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Sonntagsgesichter

(Über Blicke, Semmeln und das Tempo zwischen Frühstück und Montag)



Freunde, Freunde, Freunde…

Sonntage haben ihr eigenes Gesicht.

Und nein – ich meine nicht das makellose „#SundayVibes“-Lächeln auf Instagram,

sondern das echte.

Das unausgeschlafene.

Das „Ich-hab-noch-Polsterabdruck-auf-der-Wange“-Gesicht.


Heute früh beim Bäcker konnte man sie wieder studieren.

Die ganze Sonntagsgalerie.


Typ 1: Das „Ich hol nur schnell Semmeln“-Gesicht.

Rennt rein wie bei einem Banküberfall – nur mit Baumwollhose und ohne Plan B.

Noch halb im Pyjama, aber mit der Entschlossenheit eines Menschen,

der weiß: Da wartet jemand.

Und der Kaffee wird kalt.


Typ 2: Das „Ich bin schon seit 6 Uhr wach“-Gesicht.

Meist mit Sportoutfit und Wasserflasche.

Strahlend, frisch – und leicht irritierend für alle,

die noch versuchen, im Halbschlaf das Angebot zu fokussieren.


Typ 3: Das „Sonntag ist mein Montag“-Gesicht.

Hinter der Theke, an der Kaffeemaschine, im Supermarkt.

Und die genau wissen:

Wenn sie jetzt nicht lächeln,

fragt der Nächste garantiert: „Alles okay mit Ihnen?“


Typ 4: Das „Ich bin hier, um deinen Zeitplan zu ruinieren“-Gesicht.

Die kaufen nicht einfach.

Die kuratieren.

Zwei von dem, vier von dem, eins von dem,

und 98 von „dem da hinten“.

„Gibt’s die Milch auch in laktosefrei?

Oder lieber Mandel? Ach, Soja wär mir lieber…“

Und du stehst dahinter, willst nur eine Cheesecake-Schnecke.

Wie oft hab ich eigentlich in meinem Leben erwähnt,

dass ich Cheesecake liebe? 200 Mal?

Mindestens.

Und während ich da so stehe, frage ich mich:

Wie sehe eigentlich ich aus in diesem Moment?

Wahrscheinlich wie jemand, der gleich laut „Mandelmilch!“ schreit,

nur um den Prozess abzukürzen.


Typ 5: Das „Ich geh gleich auf eine Matinee“-Gesicht.

Aufgebrezelt, als ginge es nicht zum Bäcker,

sondern zu einer Preisverleihung.

Haare perfekt, Lippenstift frisch,

und vermutlich ein Hund im Cabrio vor der Tür.


Typ 6: Das „Bei uns ist das anders“-Gesicht.

Die kommen gar nicht zum Bäcker.

Genauer gesagt ein Spezialuntertyp der Typengruppe 6, die nicht zum Bäcker kommen

Die Haushälterin kauft sonst ein – aber am Sonntag hat sie frei.

Das Brot wird geliefert oder kommt aus dem Tiefkühler.

Und natürlich wissen sie trotzdem, wie man die Eier macht.

Das ist Tradition: Der Mann des Hauses übernimmt.

Zugegeben – die Eierspeise ist viel zu hart, aber das gehört so.

mit diesem „Ja, ja, das machen wir schon immer so“-Blick.


Am Nachmittag, falls Freunde vorbeischauen,

zaubert man gern „etwas Kleines“ –

meist Antipasti oder das berühmtes Signature-Gericht,

für das man ihn unter Freunden berühmt gemacht hat.


Hörst du während du das liest schon das kollektive „Wow! Das wäre doch nicht notwenig gewesen.“ der Gäste? Er selbst kommentiert das nicht, er lässt...

er ist uns einfach überlegen...wir müssen das anerkennen...😂


Ich mag wieder Sonntage.

Weil sie Gesichter zeigen, die montags sofort hinter Masken verschwinden.

Und weil sie, egal ob verknittert oder perfekt,

ein bisschen ehrlicher wirken.


Ich sag, wie’s ist:

Vielleicht sollten wir uns montags öfter wie Sonntage ansehen.

Ungefiltert.

Mit echtem Blick.

Und notfalls halt mit Polsterabdruck.

 
 
 

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