Ich wollte nur spazieren gehen
- Christoph

- 22. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
(Und dann stand ich da. Mit Gedanken, einem Hund – und einer fast rätselhaften Erkenntnis.)

Ich wollte heute einfach nur spazieren gehen. Nicht zur Selbstoptimierung. Nicht zum Kalorienverbrennen. Nicht, um mich in irgendeiner App als „aktiv“ zu markieren. Einfach raus. Frische Luft, ein bisschen Kopf entlüften. Vitamin D tanken – falls noch Restbestand vom Frühjahr da ist.
Also Sneakers, kurze Hose (man beachte!), Polo-Shirt OHNE LOGO. Ich hab kurz überlegt, ob ich mein „Ich tu nur so als wär ich sportlich“- Outfit anziehe – mit Sonnenbrille auf dem Kopf und dieser Wasserflasche, die aussieht wie aus einer Werbung für Kokosnusswasser.
Aber dann dachte ich: Die Zeiten meiner 14-minütigen Midlife-Crises sind vorbei. Die, bei der ich im blauen Anzug und Sneakers ohne Socken fast ein Start-up gegründet hätte. Ich hab mich nach exakt 14 Minuten wieder umgezogen und beschlossen, einfach ich zu sein.
(remember?)
Heute also: authentisch. Echte Baumwolle, echtes Ich.
Ich gehe also los, gemütlich, über die große Wiese in den Wald. Die Sonne wärmt, aber nicht unangenehm. Ich fühle mich fast wie in einem dieser Imagevideos von Kleinstädten, die zeigen wollen, dass sie „mehr Lebensqualität“ haben als andere. Noch kurz eine Zeitlupe, und ich wäre Werbebotschafter meines eigenen Spaziergangs.
Ich bin so in Gedanken, dass ich fast drüber stolpere:
Ein Hund.
Ein Königlicher. Also wirklich.
Ein Cavalier King Charles Spaniel – Typ: adliges Herrenzimmer in Hund. Sein Fell glänzt. Er trägt ein Halstuch mit floraler Stickerei, das wahrscheinlich mehr gekostet hat als mein gesamtes Polo-Regal. Er bewegt sich mit einer Würde, als wäre sein Stammbaum länger als mein Lebenslauf.
Natürlich beginnt mein Gehirn sofort mit den Projektionen.
Wer gehört zu diesem Hund?
Vielleicht eine Frau Mitte dreißig, energisch, Latte-Macchiato-Koffeinpegel auf dem Rückweg. Juristin, Personal Union aus tough und leicht erschöpft. Hat gerade einen Brunch mit den Mädels hinter sich – wegen einer Lappalie, die dann aber doch tief ging. Braucht Luft. Der Hund gehört ihrer besten Freundin, sie geht „nur eine Runde“. Stellt sich später im Gespräch aber raus: Der Hund wohnt jetzt fix bei ihr.
Ich bereite mich innerlich auf die Begegnung vor. Bau mir schon ganze Dialoge zusammen. Solche Begegnungen mit Hund führen immer zu einem Gespräch, zumindest bei mir. Überlege, ob ich die AirPods ignoriere oder als Einstieg nutze („Welche Staffel ist’s?“).
Und dann…
…kommt sie.
Eine ältere Dame.
Nein – nicht irgendwie „alt“. Eher: elegant gealtert. Sie trägt keine Kleidung – sie trägt eine Geschichte. Ihre Haare sind silbern, fast licht. Hochgesteckt. Eine feine Seidenbluse, die nicht glänzt, sondern flüstert. Eine Hose, die man nicht trägt, sondern kennt. Und Espadrilles – jene Schuhe, die einem zuflüstern: „Ich habe die 80er überlebt, und das mit Stil.“
Sie bleibt stehen. Der Hund schnuppert höflich an meinem Schuh, ich neige den Kopf wie ein Kellner in einem sehr guten Restaurant. Sie sagt:„Er ist neugierig. Das bleibt manchmal über, wenn alles andere gegangen ist.“
Ich nicke – so wie man nickt, wenn man nicht weiß, ob man gerade ein Kompliment, eine Warnung oder eine Lebensweisheit bekommen hat. Und plötzlich – ohne große Überleitung – sind wir im Gespräch. Sie erzählt von ihrem Mann – beiläufig, aber nicht lieblos.
„Er mochte nie Spaziergänge. Jetzt bekommt er sie täglich. Ob’s ihm passt oder nicht.“
Ich lache. Und irgendwie macht dieser Satz etwas mit mir. Er ist schräg, aber nicht respektlos. Eher liebevoll-verrückt. So wie alte Möbel, die nicht mehr in den Stil passen, aber ohne die der Raum kahl wäre.
Sie schaut mich an und sagt – fast schon wie zum Abschied, aber ohne sich zu verabschieden:
„Wissen Sie… die meisten Leute reden nur, weil sie Angst haben, man könnte sonst ihre Stille hören.“
Ich brauche ein paar Sekunden. Ich will etwas sagen – aber ich finde nichts, was besser wäre als das. Also sage ich: „Das ist schön.“
Und hasse mich sofort dafür, weil das klingt, als hätte ich es nicht verstanden. Aber vielleicht ist das ja okay. Vielleicht muss man nicht alles sofort verstehen. Vielleicht darf manches erst nachreifen. Wie Tomaten. Oder Selbsterkenntnis.
Ich hätte sie gern auf einen Kaffee eingeladen. Einfach so. Nicht, weil sie alt war. Sondern weil ich selten jemandem begegne, der so selbstverständlich seltsam klug ist. Aber ich tue es nicht. Weil irgendwas in mir sagt: Vielleicht war dieses Gespräch schon der Kaffee.
Oder sogar das Dessert.
Ich sag, wie’s ist:
Ich wollte heute nur raus. Ein bisschen spazieren. Während Premiere Pro sich mal wieder eine halbe Ewigkeit nimmt, um eines meiner überambitionierten Videos zu rendern.(12 Layer, 4 Fonts, 3 Soundeffekte und ein Voice-over, das ich 11 Mal neu eingesprochen habe, weil mein Tonfall „zu wenig authentisch“ klang.)
Bekommen habe ich stattdessen: Einen Hund mit Stil. Eine alte Dame mit Worten wie Pfefferminztee und Pfeffer zugleich. Und eine Lektion darüber, dass die besten Gespräche meistens die sind, die man nicht geplant hat.
Morgen geh ich wieder raus - wenn Zeit bleibt - sonst übermorgen. Wer weiß, vielleicht treff ich dann einen Dackel mit Doktorarbeit. Oder mich selbst – beim Denken.



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