top of page

Supermarkt-Samstag


Ich war wieder einmal im Supermarkt.

Na gut. Was für eine sensationelle Meldung.


Menschen gehen einkaufen. Auch Christoph.

Man stelle sich das vor. Aber es war nicht irgendein Supermarkt.


Es war so eine Art Flagshipstore des Lebensmittelhandels, mitten in der Wiener Innenstadt.

Und wer Wiener Innenstadt sagt, sagt automatisch auch: Tourist:innen.

Viele Tourist:innen. Sehr viele Tourist:innen.


Tourist:innen, die vermutlich glauben, dass ein Supermarkt so etwas ist wie ein kulturelles Erlebniszentrum mit Sachertortenanschluss.


Ich kaufe irgendetwas. Was genau, spielt überhaupt keine Rolle.

Aber wer mich kennt, weiß: An der Kassa wird es dann manchmal ein wenig heikel.


Samstag.17:30. Eine magische Uhrzeit.

Denn in Wien gehen die Uhren zwar grundsätzlich gleich wie überall auf der Welt…

aber einkaufstechnisch bleibt sie um Punkt 18 Uhr einfach stehen.

Das weiß jeder.


Und deswegen stehen um 17:30 gefühlt halb Wien, ein Drittel Europas und ein paar Menschen aus Übersee in der Schlange. Und Supermarkt-Schlangen haben ja ihre ganz eigenen Charaktere. Da gibt es zum Beispiel die Band-Aufleger.


Menschen, die ihre Einkäufe mit einer Präzision aufs Förderband legen, als würden sie gerade ein modernes Kunstwerk kuratieren.

Tomaten. Pause. Joghurt. Pause.

Dann kommt das berühmte Warentrennband. Dieses kleine Plastikteilen, das in Supermärkten eine Bedeutung hat, die irgendwo zwischen diplomatischer Grenze und psychologischer Sicherheitszone liegt.


Manche legen es hin. Manche nicht.

Und wenn jemand es nicht hinlegt, entsteht sofort dieses leicht nervöse Gefühl:

Wo endet jetzt eigentlich mein Einkauf und wo beginnt deiner?



Naja egal. Vor mir mehrere Menschen.

Die Kassiererin wirkt ein wenig so, als hätte sie heute schon mehr Gespräche über Kundenkarten geführt als ein Marketingseminar im dritten Semester.


Dieses Gesicht, das sagt:

„Ich lächle noch, aber innerlich habe ich bereits eine kleine Hütte in den Bergen gekauft.“

Vor mir noch vier Kundinnen.

Die Kassiererin schaut plötzlich auf.

Direkt zu mir.

Und fragt quer durch die Schlange:

„Haben Sie eine Kundenkarte?“

Ich antworte höflich:


„Nein, habe ich nicht. Aber aus verkaufstechnischer Sicht wäre es im Sinne der Datensammlung für die CRM-Abteilung vermutlich sinnvoller, die Menschen zu befragen, die gerade dran sind.“


Kurze Pause. Die Kassiererin schaut mich an.

Dann sagt sie:

„CRM was?“

Ich lächle.

„Vergessen Sie’s. Nicht so wichtig.“

Währenddessen sind gerade drei Spanierinnen an der Reihe.

Und diese drei Spanierinnen haben offenbar beschlossen, dass sie heute alles kaufen, was die österreichische Süßwarenindustrie in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat.


Mannerschnitten. Pischinger-Oblaten. Torten-Ecken. Schokolade.

Noch mehr Schokolade.

Und vermutlich noch ein paar Dinge, die ausschließlich gekauft werden, weil die Verpackung so aussieht, als hätte sie Johann Bernhard Fischer von Erlach persönlich entworfen.


Dann kommt der Moment der Wahrheit. Die Kassa zeigt den Preis.

In großen Zahlen. Neonfarben. Von überall sichtbar. Also wirklich überall.


Und dann passiert etwas, das ich in Supermärkten nie ganz verstehe.

Die große Verwunderung beim Bezahlen.

Die drei Damen schauen auf den Betrag.

Dann schauen sie sich gegenseitig an.

Dann beginnen sie zu rechnen. Im Kopf.

Sehr intensiv.


So intensiv, als würde gerade die europäische Zentralbank ihre Geldpolitik neu berechnen.

Ich denke mir kurz: Vielleicht hat der spanische Premierminister Pedro Sánchez in den letzten 48 Stunden tatsächlich beschlossen:


„Weg mit dem Euro – zurück zu den Peseten.“


Ich habe zwar seit zwei Tagen keine Nachrichten gesehen, aber so schnell geht Weltpolitik normalerweise dann doch nicht. Und weil ich manchmal meine Wiener Pappn nicht halten kann, sage ich:

„Keine Sorge. Das sind Euro. Kann man mit Karte zahlen. Oder – ganz verrückt – sogar noch mit Bargeld.“

Die drei Damen lachen.

Sehr herzlich.

Und beginnen dann, den Betrag durch drei zu teilen.

Mit einer Ernsthaftigkeit, die man sonst nur von Menschen kennt, die gerade versuchen, eine Restaurantrechnung nach vier Gläsern Wein mathematisch korrekt aufzuteilen.


Ich bleibe geduldig. Im Urlaub ist man ja manchmal ein wenig entspannter.

Der Mann vor mir allerdings nicht. Er wirkt leicht ungehalten. Etwas älter.


Und damit – statistisch gesehen – automatisch ein wenig ungeduldiger.

Ein Naturgesetz.

Er sagt nur ein Wort.

Ein sehr wienerisches Wort.

Ein Wort, das sich leider nicht gendern lässt.

„Oida.“

Dieses Wort kann alles bedeuten.

Freundschaft.

Erstaunen.

Verzweiflung.


Oder – in diesem Fall:

„Oida, tua weida.“

Es dauert weitere Minuten. Die drei Damen diskutieren noch immer darüber, wer welchen Anteil an den Wiener Süßwaren erworben hat. Bis schließlich Freundin Nummer drei ein Herz fasst.

„Ich zahl einfach.“

Mastercard. Transaktion abgeschlossen. Europa gerettet.


Der Mann vor mir ist endlich dran. Und in diesem Moment passiert etwas Wunderschönes.

Er hat seine Birnen vergessen abzuwiegen. Die Kassiererin schaut auf die Birnen.

Dann auf ihn. Dann sagt sie freundlich:

„Die müssten Sie noch abwiegen.“

Und verschwindet. Mit den Birnen.

In der Schlange entsteht diese ganz besondere Stille. Diese Supermarkt-Stille.

In der niemand etwas sagt, aber alle gleichzeitig denken:

Das kann jetzt nicht wahr sein. Und in diesem Moment denke ich mir:


Was Mister Ungeduldig kann…kann ich auch.

Und ich sage, leicht philosophisch und leicht wienerisch:

„Oida.“

Die Kassiererin kommt zurück. Birnen bezahlt.

Jetzt bin ich dran. Endlich.

Ich lege meine Sachen aufs Band.

Die Kassiererin schaut mich an.

Lächelt freundlich. Und fragt:

„Haben Sie eine Kundenkarte?“

Ich sag, wie’s ist:

Manche Dinge im Leben sind einfach perfekt organisiert.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page