Alles anders
- Christoph

- 20. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit
(und warum der Titel dann doch geändert wurde)

Zuerst dachte ich, ich sollte auf den Vorwurf der Oberflächlichkeit meinerseits etwas schreiben. Aber ich erspare allen meine Ausführungen zum Thema und was das mit dem eigenen Selbstbetrug und Manipulation zu tun hat....zumindest heute😀
Was ganz anderes:
Freunde, Freunde, Freunde...(und Freundinnen und alle ihr wisst schon)
Ihr erinnert euch an Frau Professor die mich zu einem Gastvortrag eingeladen hat. Mich etwas abwertend vorgestellt hat, als den der immer Gastvorträge hält um mich dann zu einem Gastvortrag einzuladen...?
Heute war es soweit.
Das war ja nicht mein erster Gastvortrag an einer Hochschule. Und trotzdem ist es jedes Mal wieder eine kleine Challenge: ca. 40 Augenpaare, die dich anschauen, als wärst du der Algorithmus persönlich. Und sagen wir’s so: Zu Beginn war Frau Professor vielleicht ein klein wenig nervös, was da jetzt kommt.
Der Vortrag:
Der ursprünglich von mir geplante Titel lautete ja. „TikTok, Tussi, Therapie – Warum jede Zwölfjährige heute Influencerin werden will.“ (Man entschied sich dann hochschulseitig für eine entschärfte Versio, und natürlich sich nicht nur auf Frauen bezieht...Die Diskussion darüber, das das als Platzhalter gemeint ist erspare ich auch allen): „Strategische Selbstinszenierung und digitale Ich-Marken im Wandel“– klingt nach Dissertationsseminar, war aber eher Realsatire mit Datenbasis.)
Der Einstieg.
Ich beginne mit der Frage:„Warum glauben so viele Mädchen, sie müssten Influencerin werden, nur weil sie glauben, sie sind hübsch?“ Dünnes Eis. Und ja, das klingt provokant. Aber keiner widerspricht. Weil die Wahrheit nun mal ist: Schönheit ist heute weniger Genetik als Content-Strategie. Und „sich zeigen“ wird oft verwechselt mit „gesehen werden wollen“.
Ich spreche über Zielgruppen, Filterblasen, die Farbe von Markenwelten und darüber, wie der Satz „Du musst nur du selbst sein“ ironischerweise zur identitätslosen Massenansage wurde.
Die TikTok-Frage – und meine Antwort.
Natürlich fragen mich alle, warum ich nicht auf TikTok bin.
Meine Antwort: „Weil ich mich noch weigere, im Bademantel zu Coi Leray über meine Zahnpasta zu tanzen und das in 15 Sek.“
(Was nicht ganz stimmt. Ich hab’s ausprobiert. Nur: Ich hab kein Rhythmusgefühl. Und die Zahnpasta war alle.)
Ich erkläre, wie wichtig Authentizität ist – aber eben nicht zu viel. Wie Reels funktionieren – aber lieber keine ohne Makeup. Und warum jeder Marketing-Mensch am Ende selbst ein Produkt wird. (Ein Produkt mit Augenringen, zu vielen Tabs offen und dem Satz „Mach’s kurz, ist für Social“ im Ohr.)
Und warum mir das privat alles völlig egal ist. Völlig!
Marketing mit Selbstironie.
Ich erkläre, wie man heute Marke ist, ohne es zu merken. Wie man Inhalte macht, ohne Inhalt zu haben. Und wie man trotzdem relevant sein kann – solange der Algorithmus will.
Ich sage Sätze wie:
„Wer nichts zu sagen hat, sollte wenigstens Übergänge schneiden können.“
„Follower sind die neue Währung – aber mit echtem Wert nur, wenn man was zu sagen hat.“
„Influencer ist kein Beruf. Es ist ein Zustand. Temporär. Meist ungesund.“
Skurrile Fragen aus dem Publikum – meine Antworten:
„Wie plant man einen Shitstorm?“– „Wie einen Campingurlaub. Mit Vorzelt, Notration und Fluchtmöglichkeit.“..aber ernsthaft…
„Was tun, wenn mein Content niemanden interessiert?“– „Dann tu so, als wär er für dich selbst. Das ist der neue Stolz.“.. aber ernsthaft…
„Wie gewinnt man Follower?“– „Mit Haut, Humor oder Hund. Am besten alles drei.“ .“..aber ernsthaft…
„Was ist relevanter – Haltung oder Hashtag?“– „Hashtag. Die Haltung kann man nachreichen.“ .“..aber ernsthaft…
„Was, wenn ich beim Selfie immer nur komisch guck?“– „Dann mach Video. Da fällt’s weniger auf.“ .“..aber ernsthaft…
„Wie schaffen Sie es, so viel zu posten?“– „Ich tu einfach so, als wär’s Content. In Wahrheit verarbeite ich Traumata.“ .“..aber ernsthaft…
Nein, natürlich habe ich die Fragen ernst genommen. Aber die gesamten Antworten wäre jetzt zu theoretisch…boring sagt die Zielgruppe heute.
Und am Ende: Die Fußfrage.
Wie immer stelle ich zum Abschluss eine Frage, die mich seit Jahren beschäftigt:
„Warum heben Frauen beim Selfie immer einen Fuß an?“
Es wird gelacht. Ein kurzer Moment der Ratlosigkeit. Dann eine Studentin aus der dritten Reihe:
„Weil’s süßer aussieht. So, als hätte man Spaß. Auch wenn man vorher 40 Versuche hatte.“
Ich sag nur: Willkommen im echten Leben.
Fazit – und Frau Professor.
Nach dem Vortrag kommt sie zu mir. Erleichtert. Und schmunzelnd.
„Ich war kurz nervös… aber Sie haben Dinge gesagt, die sich sonst keiner traut – und trotzdem hat jeder gelacht. Und nachgedacht.“
Ich nicke. Denn genau das war der Plan.
Ich sag’s wie’s ist:
Marketing ist heute manchmal Therapie mit Filter. Und dieser Vortrag war – wie immer – eine Mischung aus Stand-up, Selbsthilfegruppe und Sales-Pitch für Authentizität.
Ob ich was beigebracht hab? Weiß ich nicht.- Aber ich vergebe auch keine Noten, zumindest nicht hier. Und ich hab den Fuß nicht gehoben, als wir zum Abschluss ein Gruppenfoto gemacht haben. Das zählt doch auch.



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