Teil der Pariser Tourismusbehörde
- Christoph

- 25. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Ich weiß nicht, wie das passiert.
Ich gehe nur kurz raus. Mit zwei Kameras.
Und offensichtlich einem Gesichtsausdruck, der schreit:
„Er kennt sich hier aus.“
Spoiler: Tu ich nicht.
Metro. Linie 1.
Geruch: Mischung aus altem Metall, Parfum und einer sehr ambitionierten Knoblauch-Baguette-Kreation.
Ein Akkordeonspieler quetscht „La Vie en Rose“ aus seinem Instrument,
als hinge sein Mietvertrag davon ab.
Neben mir eine Dame mit einem winzigen Hund im Mantel.
Der Hund schaut mich an, als würde er mein fotografisches Konzept infrage stellen.
Ich halte mich an einer Stange fest, die schon alles gesehen hat.
Wahrscheinlich auch die französische Revolution.
Ein Mann rempelt mich an.
„Pardon.“
Ich: „Pas de problème.“
Er nickt anerkennend.
Zwei Wörter Französisch und ich fühle mich integriert.
Sacré-Cœur.
Oben angekommen, Wind, Menschen, Selfiesticks in allen Längen.
Ich stelle mich an den Rand.
Denke über Licht nach.
Über Perspektive.
Über das Drama von Himmel gegen Kuppel.
Da tippt mir jemand auf die Schulter. Ein Pärchen.
Beide mit exakt denselben weißen Sneakern.
Synchronisierte Liebe.
„Could you take a picture of us?“
Natürlich.
Ich nehme das Handy.
Es ist rosa. Mit Glitzerhülle.
Sie stellen sich hin.
Er legt den Arm um sie.
Sie legt den Kopf schräg.
Er lächelt wie jemand, der noch nicht weiß, dass er gleich 17 Fotos machen muss.
„Just one?“
Ich: „We never do just one.“
Ich gehe zwei Schritte zurück.
Noch zwei.
Noch einen.
Plötzlich stehe ich halb auf einer Parkbank.
Ein Kind schaut mich an, als würde ich gleich einen olympischen Sprung vollziehen.
Klick.
Klick.
Klick.
„Can you make it more… Paris?“
Ich drehe das Handy minimal.
„Less sky. More you.“
Sie schauen drauf.
Er: „Oh wow.“
Ich nicke professionell, als hätte ich gerade Vogue gecovert.
Metro. Wieder. Linie 9.
Zwei Teenager diskutieren lautstark über irgendetwas, das vermutlich dramatischer ist als es klingt. Ein älterer Herr liest „Le Monde“ mit der Ernsthaftigkeit eines Verfassungsrichters.
Ich beobachte Hände.
Ringe.
Nagellack.
Kaffeebecher.
Paris fährt nicht einfach Metro. Paris inszeniert Metro.
Opéra.
Ich stehe vor dem Gebäude.
Gold. Ornamente. Drama.
Neben mir zwei Amerikanerinnen.
„Excuse me, sir, can you take our picture?“
Ich bin offiziell alt.
Sie posieren wie in einem Musikvideo.
Eine dreht sich halb zur Seite, als würde gleich ein Ventilator anspringen.
„Wait, my hair!“
Wind hilft.
Ich mache ein Foto.
„Oh my God, that’s amazing!“
Ich denke: Es ist frontal. Es ist scharf. Es ist okay.
Aber Begeisterung ist relativ.
Champs-Élysées.
Ich will eigentlich nur einen Kaffee.
Wirklich.
Ich stehe mit meinem Espresso in der Hand,
denke über nichts Besonderes nach.
Ein junger Mann kommt auf mich zu.
„Monsieur, photo?“
Er drückt mir sein Handy in die Hand,
bevor ich ja sagen kann.
Seine Freundin stellt sich hin.
Er stellt sich neben sie.
Beide heben synchron ein Bein leicht nach hinten.
Ich frage:
„Is this a Paris rule?“
Er lacht.
„It’s for Instagram.“
Natürlich ist es das.
Ich mache ein Foto.
Dann noch eins.
Dann ein absichtlich dramatisches mit leichtem Schrägwinkel.
„Ohhhh!“
Er zeigt es ihr.
Sie zeigt es ihm.
Sie umarmen sich.
Ich trinke meinen Kaffee.
Und mir fällt auf:
Ich habe heute wahrscheinlich mehr Menschen glücklich gemacht
mit fremden Handys
als mit meinen eigenen Kameras.
Und dazwischen:
Metro.
Geräusche.
Fremde Schultern.
Ein Straßenmusiker, der Coldplay auf Spanisch singt.
Ein Kind, das seine Mutter fragt, warum der Eiffelturm nicht blinkt.
Paris ist nicht nur Kulisse.
Paris ist Bühne.
Und ich war heute
der ungebuchte Fotograf im Hintergrund.
Ich sag wie’s ist:
Man reist mit zwei Kameras an
und endet als offizieller Handy-Beauftragter der Stadt.
Und ehrlich?
Es war jede einzelne Metrostation wert.



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