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Von fehlenden Teilen und vollen Momenten


Heute, man stelle sich das bitte bildlich vor, greife ich ganz entspannt in meinen Rucksack.

Nicht irgendein Rucksack.

Und schon gar nicht irgendein Objektiv.


Wer mich kennt, weiß:

Bei mir ist kein Objektiv „irgendeines“.

Das ist kein Stück Glas.

Das ist Charakter.

Persönlichkeit.

Feinmechanische Poesie.


Also ziehe ich dieses kleine Kunstwerk heraus –

und mein Herz rutscht ungefähr auf Höhe meiner Schuhsohlen.


Hinten.

Da wo es auf den Kamerabody trifft.

Wo Präzision auf Präzision trifft.

Wo Millimeter über Meisterwerk entscheiden.


Die Abdeckung fehlt.


Nicht vorne.

Hinten.


Für Nicht-Fotograf:innen klingt das nach: „Na und?“

Für Menschen wie mich ist das ungefähr so, als würde man feststellen, dass man ohne Unterhose auf einem Staatsempfang steht.


Mittelgroße Katastrophe?

Vergessen wir „mittel“.

Das war eine vollumfängliche, sonntägliche, dramatisch aufgeladene Katastrophe.


Und jetzt kommt der zweite Teil der Gleichung:


Fremde Stadt.

Sonntag.

Und ich suche ein Kamerageschäft.


Das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein geöffnetes Finanzamt am Heiligen Abend.

Aber dort will man auch icht hin..vermutlich egal an welchem Tag.


Aber – und jetzt kommt das Wunder –

es gab tatsächlich eines.


Ich also hinein.

Kleine Glocke an der Tür.

Holzboden.

Der Geruch von Technik und Staub und ein bisschen Nostalgie.


Und dann stand er da.

Yves.


Natürlich hieß er Yves.

Alles andere wäre dramaturgisch schwach gewesen.


Ich erkläre ihm mein Problem.

Er nickt langsam, mit diesem leicht seitlich geneigten Kopf, den nur Menschen beherrschen, die entweder sehr gute Fotografen oder sehr gute Zuhörer sind.


„Ah… oui… pas idéal.“


Ich nicke zurück.

„Nicht ideal“ ist ungefähr die diplomatischste Umschreibung für „Ich sterbe innerlich“.


Er hat die passende Abdeckung nicht.

Natürlich nicht.

Sonntag.

Fremde Stadt.

Universum.


Aber.

Und jetzt kommt das, was ich liebe.


Er denkt nicht in Problemen.

Er denkt in Lösungen.


Wir probieren.

Drehen.

Schrauben.

Vergleichen Durchmesser wie Chirurgen kurz vor einer Transplantation.


Und plötzlich sagt er:

„Ça, peut-être…“


Und tatsächlich.

Eine Übergangslösung.


Nicht perfekt.

Aber sicher.

Geschützt.

Würdig.


Er bestellt das Originalteil sofort online.

„Morgen da“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er gerade das Wetter ankündigen.


Und dann –

wie das so passiert –

kippt das Gespräch.


Von Objektivgewinden

zu Herkunft.

Von Herkunft

zu Wein.

Von Wein

zu Regionen.


Und plötzlich stehen wir zwei Fremde zwischen Kamerataschen und Stativköpfen und diskutieren über Tannine, über mineralische Böden und darüber, warum man guten Wein nie verteidigen muss.


Eine halbe Stunde.

Mein Zeitplan?

Zerlegt.

Mein Stress?

Verdunstet.


Und während ich da so stehe, fällt mir ein Satz ein, den man über „die hier“ ja so gerne sagt.

Nicht die freundlichsten Europäer.

Kühl. Reserviert.


Dachte ich auch.

Bis ich Yves traf.


Yves, der am Sonntag eine Lösung suchte, statt ein Problem zu erklären.

Yves, der sich Zeit nahm.

Yves, der aus einer fehlenden Plastikabdeckung ein Gespräch machte.


Vielleicht sind es nicht Länder, die kühl sind.

Vielleicht sind es Erwartungen.


Vielleicht sind es Vorurteile, die wir mit uns herumtragen wie schlecht gereinigte Linsen.


Und vielleicht braucht es nur einen Sonntag,

ein fehlendes Stück Plastik und einen Mann namens Yves,

um das Bild wieder scharfzustellen.


Ich sag wie’s ist:

Manchmal verliert man eine Abdeckung –

und gewinnt eine Begegnung.

 
 
 

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