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Von Snake zu Selfies: 45.000 Fotos später


Wieder mal im Supermarkt.

Vor mir an der Kassa ein Vater mit seiner Tochter – vielleicht zwölf Jahre alt.

Er versucht verzweifelt, die Einkäufe auf das Band zu legen, während sie hochkonzentriert auf ihr Smartphone starrt.

Nicht einfach so, nein – in einer Ernsthaftigkeit, als würde sie entweder die Börse steuern oder eine Notlandung für ein Raumschiff vorbereiten.


Dann schaut sie auf, mustert ihren Vater und sagt trocken, ohne auch nur eine Miene zu verziehen:

„Papa, dein Handy ist echt alt.“

Der Vater, sichtlich beleidigt: „Wieso? Das funktioniert doch noch!“

Sie, mit dem Selbstbewusstsein einer Hightech-Managerin: „Ja, aber das macht halt keinen Sinn mehr.“


Ich war so abgelenkt, dass ich fast meinen Einkaufswagen in die Zeitschriftenabteilung gelenkt hätte. Und plötzlich war ich mitten drin im Gedankenstrudel darüber,

wie absurd unser Verhältnis zu diesen kleinen Geräten geworden ist.


Früher – und damit meine ich wirklich früher –

brauchte man ein Telefon einfach nur, um jemanden anzurufen.

Und das reichte vollkommen.

Wenn man einen Freund sehen wollte, ging man rüber, klopfte an die Tür und fragte:

„Magst du rauskommen?“

Heute schicken wir uns Nachrichten, Sticker und GIFs,

um uns darüber abzustimmen, ob wir Lust haben, einen Videocall zu machen –

bei dem wir dann so tun, als wären wir anwesend,

während wir in Wirklichkeit nebenbei Mails checken und den Geschirrspüler ausräumen.


Ich erinnere mich noch an meine Studienzeit.

Damals haben wir eine Umfrage gemacht:

„Warum kaufen Sie sich ein Mobiltelefon mit Kamera?“

Und gefühlt 32 Prozent der Befragten antworteten ernsthaft:

„Sollte ich einmal einen Autounfall haben, kann ich den Sachverhalt gleich für die Versicherung festhalten.“


Damals klang das irgendwie vernünftig.

Heute verwenden wir die Kamera zu 90 Prozent dafür,

ein Bein beim Selfie leicht anzuheben,

weil es angeblich eine schönere Körperhaltung macht –

auch wenn man das Bein auf dem Foto gar nicht sieht.

Aber Hauptsache, der Winkel stimmt.


Und ich?

Ich habe selbst jahrelang Mobilfunkwerbung gemacht.

Damals sprachen wir von Netzabdeckung,

von Speicherkapazität, und davon, wie viele SMS man im Tarif inkludiert hatte.

Wenn du Glück hattest, konntest du unterwegs ein Spiel namens Snake spielen –

ein kleines Pixel-Schlangenmonster, das Äpfel fraß.

Das war die ganz große mobile Unterhaltung.


Heute?

Heute tragen wir 45.000 Fotos in unseren Hosentaschen herum,

Spotify, Netflix, Lebensplaner, Fitnesscoach und Datingberater inklusive.

Und wenn das neueste Modell rauskommt,

glauben wir, unser Leben wäre ab sofort besser,

nur weil die Kamera jetzt noch drei zusätzliche Linsen hat

und der Nachtmodus uns endlich so aussehen lässt,

als würden wir nachts ausgeschlafen sein.


Mein Vater hatte damals ein Autotelefon.

Das war so groß,

dass man sich beim Familienurlaub ernsthaft entscheiden musste:

„Fahren wir mit Koffern ODER mit Telefon?“

Beides ging nicht, egal wie groß der Kofferraum war.

Und das Netz funktionierte sowieso nur auf der Autobahn und in der Innenstadt –

quasi dort, wo man es am wenigsten brauchte.


Heute beschweren wir uns,

wenn auf der Alm für drei Minuten das 5G-Signal abreißt,

als wäre es ein persönlicher Angriff auf unsere Menschenrechte.


Wenn ich so darüber nachdenke,

hat sich in gefühlten fünfzehn Jahren alles völlig gedreht:

Vom glorifizierten Notfall-Fotoapparat

zu einem ständigen Begleiter,

der uns sagt, wann wir wach werden,

was wir essen sollen

und ob wir uns bei TikTok gerade blamieren.


Und während wir Eltern früher stundenlang im Park verschwanden

und die Eltern einfach vertrauten, dass schon nichts passiert,

geben wir unseren Kindern heute ein Smartphone –

unter dem Vorwand, „damit wir erreichbar sind, falls was passiert“.

In Wahrheit wollen wir nur die Illusion von Kontrolle.

Denn seien wir ehrlich:

Wir selbst würden ja nervös werden,

wenn unser Handy nur zehn Minuten unerreichbar wäre.


Vielleicht, denke ich mir,

wird irgendwann jemand zurückblicken und sagen:

„Weißt du noch, damals, als wir 45.000 Fotos in der Hosentasche hatten

und glaubten, wir bräuchten das alles?“


Und während wir nostalgisch an unseren Selfie-Winkeln und Chatverläufen festhalten,

wird die nächste Generation vermutlich nur müde lächeln –

weil sie längst keine Handys mehr hat.

Da wird dann einfach direkt ins Auge projiziert,

vielleicht sogar direkt in den Kopf übertragen.

Kein Display mehr, keine Ladegeräte,

kein Streit über die richtige Hülle –

nur ein kleiner Gedankenblitz,

und die Nachricht ist schon unterwegs.


Wir werden das erste Mal wirklich „hands-free“ sein –

im wahrsten Sinne des Wortes.

Und vermutlich werden wir uns dann wünschen,

noch einmal so ein gutes, altes, viel zu großes Smartphone in der Hand zu halten,

das sich im Winter immer so schön in der Jackentasche aufwärmte.


Und wenn wir Glück haben,

fragt uns unsere künstliche Intelligenz dann noch höflich,

ob sie den nächsten Gedanken abspeichern darf,

oder ob wir ihn lieber gleich vergessen wollen.


Ich sag, wie’s ist:

Das ist irgendwie unheimlich – und faszinierend zugleich.

Und gleichzeitig frage ich mich:

"Wann kommt eigentlich das IPhone 17?"

 
 
 

1 Kommentar

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Lisa
11. Sept. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Ja seit damals kennen wir uns zu den Mobilfunkzeiten..Zeiten waren das ;-) Verrückt da war Geld abgeschafft...damals

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