Von Tapas im Magen und Drogen im Rucksack
- Christoph

- 3. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Flughäfen sind für mich wie ein Paralleluniversum. Hier gelten andere Regeln, andere Gesetze und andere Logiken. Ich schwöre, manchmal glaube ich, die Schwerkraft funktioniert hier auch ein bisschen anders. Alles ist gleichzeitig völlig geordnet und komplett chaotisch – wie ein perfekt geöltes Durcheinander.
Heute wieder so ein Tag. Mein Ziel war simpel: pünktlich fliegen. Einfach einsteigen, sitzen, ans Ziel kommen. Kein Drama. Kein Abenteuer. Ich weiß nicht, warum ich mir das überhaupt noch wünsche – der Flughafen liefert immer Drama.
Ich war sogar richtig vorbereitet. PET-Flasche brav vor dem Sicherheitscheck entsorgt. So wie es die Regeln verlangen. Ich fühlte mich wie ein Musterpassagier, fast schon stolz auf mich. Doch dann – zack – der erste Stolperstein. Plötzlich zieht der Sicherheitsmann aus meinem Rucksack eine zweite Flasche. Ich hatte komplett vergessen, dass sie überhaupt existiert.
Er hält sie hoch wie einen Beweisgegenstand in einer Crime-Serie.
„Das bleibt hier“, sagt er mit der Gravität eines Richters.
Ich versuche zu erklären, dass das ein Missverständnis ist. Dass diese Flasche sich vielleicht selbstständig gemacht hat, um die große, weite Welt zu sehen. Der Sicherheitsmann bleibt ungerührt. Hinter mir beginnt die Dame in der Schlange hörbar zu schnaufen, als würde sie gleich ein Blasinstrument spielen.
Und ich? Ich stehe da und denke mir: Wow, ich bin offiziell wegen 0,5 Litern Leitungswasser der Bösewicht des Tages.
Kaum dachte ich, das Schlimmste sei überstanden, kam der Satz, der nie Gutes bedeutet:
„Sir, could you please come with us?“
Ich weiß nicht, warum mich das ein wenig nervös macht. Vielleicht, weil ich automatisch das Gefühl habe, in einer Netflix-Serie gelandet zu sein. Narcos: Flughafen Edition.
Also folge ich den Beamten in einen kleinen Raum, in dem es nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und Kantinenkaffee riecht. Dort öffnet einer meinen Rucksack – und plötzlich sieht es aus, als hätten sie eine illegale High-Tech-Schmugglerbande erwischt.
Objektive. Ladegeräte. Kabel. Unzählige Speicherkarten.
Alles liegt ausgebreitet auf dem Tisch. Sie betrachten die Teile, als würde gleich jemand vom Geheimdienst hereinstürmen.
Ich sehe sie an und sage trocken:
„Keine Sorge, ich schieße nur Bilder, keine Leute.“
(Ich könnte mir solche Aussagen sparen, ich weiß – aber so bin ich.)
Einer der Beamten verzieht keine Miene, die anderen flüstern miteinander. Ich beschließe, noch einen draufzulegen:
„Und bitte… keinen Ganzkörperscan.“
Sie sehen mich fragend an.
„In meinem Magen finden Sie nur Tapas von heute Mittag.“
Für einen winzigen Moment glaube ich, dass der Sicherheitsmann gelächelt hat. Oder vielleicht war es nur ein nervöses Zucken. Nach einigen angespannten Minuten folgt der finale Satz:
„Okay, Sir. You can go.“
Erleichterung. Pure Erleichterung.
Ich packe meine Kameraausrüstung wieder ein – mein Rucksack sieht jetzt aus, als hätte er eine wilde Nacht hinter sich – und gehe zurück ins Terminal.
Während ich so durch die völlig überfüllte Wartehalle gehe, ertönt ein Signalton auf meinem Handy. Es ist die App der Fluglinie: „Due to the fact… blabla…“ – Verspätung. Hätte ich das vor der Sicherheitskontrolle gewusst… naja.
Flughäfen sind wie ein riesiges Theater. Jeder spielt seine Rolle – von der übermotivierten Security, die mich fast zum Drogenbaron gemacht hätte, bis zu den Leuten, die am Gate schon drei Kilometer vor der Tür Schlange stehen.
Normalerweise sieht das Boarding immer gleich aus: eine endlose Schlange, die sich windet wie die Warteschlange vor einer Skigondel in den Semesterferien. Leute, die schon eine Stunde vorher anstehen, als würden sie sonst nicht mehr mitkommen. Ich verstehe das nicht. Der Sitzplatz ist fix, das Flugzeug fliegt nicht weg – und doch benehmen sich alle, als ob gleich ein Rockkonzert startet.
Jetzt sind es zwei Flieger, die Gate an Gate stehen und beide mit nur fünf Minuten Unterschied nach Wien fliegen. Kann ich mir das jetzt aussuchen? Ich frage einfach.
Keiner weiß es.
Na gut. Bis die das Gate aufmachen und sich die zwei Endlosschlangen – wie bei der Gondel in den Semesterferien – endlich auflösen, wird’s noch dauern. Also: ab auf die Terrasse. Ich will ja als Letzter einsteigen. Und mir ist es auch egal, ob Lufthansa oder Austrian Airlines – Hauptsache Wien.
Diesmal aber mit dem festen Vorsatz, meinen Namen nicht durch eine Durchsage am ganzen Flughafen zu hören.
Ich denke mir: Eine halbe Stunde kann ich riskieren.
Und meine Einschätzung war richtig.
Ich komme zurück zu den Gates und sehe folgendes Bild:
Links steht nur noch eine Dame, die verzweifelt versucht zu beweisen, dass ihr Handgepäck nicht zu groß ist. Sie kämpft, um die Tasche in dieses Kontrollgestell zu stopfen, das angeblich die maximale Größe anzeigen soll.
Rechts ein Surfertyp, der vielleicht auch gerade erst vom Drogentest kommt.
Ich entscheide mich für rechts – goldrichtig!
Das war mein Gate. Also nix wie durch, rein ins Flugzeug.
Während ich noch wahrnehme, wie die Stewardess mit leicht gequälter Stimme „Welcome on board“ sagt, spüre ich die Blicke von 200 Augenpaaren auf mir. Ich bin’s gewohnt, ich lächle – smile.
Ich sag, wie’s ist:
Wir sind im Ladeanflug...



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