Zwischen Basilikum und Wahrheit.
- Christoph

- 16. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit
(Oder: Warum ich keinen Strohhalm brauche, um ehrlich zu sein)

schon einige Donnerstage her, so gegen 21.30 Uhr.
Ich gehe durch die Stadt. Kopf voll, Herz müde – aber noch nicht bereit, nach Hause zu gehen. Also denke ich mir: Scheiß drauf. Ich geh noch auf einen Drink.
Irgendeine Bar, die aussieht wie eine Mischung aus Pinterest-Board und dem Wohnzimmer von jemandem mit zu viel Geschmack. Ich setz mich an die Bar. Allein.
Ich bestelle irgendwas Alkoholfreies – egal was. Hauptsache kein Fruchtpüree und kein Schnickschnack. Der Barkeeper reicht mir einen Drink, in dem mehr Deko steckt als in manchem Hochzeitsstrauß.
Ich schiebe das Grünzeug beiseite, leg den Strohhalm zur Seite.„Das gehört alles in ein gutes Essen, nicht in ein Glas“, murmele ich vor mich hin.
Dann setzt sich jemand neben mich. Eine Frau – schick, neugierig, leicht überdreht. Vielleicht schon ein, zwei Drinks voraus. Zumindest so viele, dass ich ein schlechtes Gefühl hätte, ihr noch so ein Ding zu bestellen.
„Ich hab dich hier noch nie gesehen“, sagt sie. Ich nicke. „Ich mich auch nicht.“
Sie lächelt, hält den Smalltalk am Laufen:„Und… was machst du so? Beruflich?“
„Kaffee trinken, reden, Dinge erklären“, sag ich.
Nach einer Weile Belangloses fragt sie: „Herz Vergeben?“
Ich: „Kommt drauf an, wem.“
Dann: „Darf ich so direkt sein? Ich seh keinen Ring.“
Ich denk mir: Was ist das hier – Speed-Dating mit Türsteherregel? Keine Umwege, keine Etikette?
Früher wär ich schroff geworden. Heute bestell ich Chips. Ich lächle, nehme einen Schluck und sage: „Mein Herz wird – auf gesunde Weise – wohl immer ein bisschen vergeben bleiben. Aber wenn du’s genau wissen willst: Nein, ich bin nicht vergeben.“
Sie wirkt kurz irritiert. Ich esse einen Chip. Salz, Klarheit, kein Chichi. So mag ich das.
Dann – etwas zu viel direkt, aber nicht bös gemeint:
„Und? Wie hältst du’s mit One-Night-Stands?“
Ich atme tief durch, schieb das letzte Blatt Basilikum vom Glasrand und sage leicht genervt, vielleicht auch überzogen:
„Gegenfrage: Wie viel bist du dir – und ich mir selbst – eigentlich wert?“ Ich bekomme schon Stress, wenn mir jemand ungefragt Sonnencreme am Oberarm verreiben will. Vielleicht bin ich auch einfach eine andere Generation. Eine mit Festnetz und Klingelton, aber ohne Tinder-Erfahrung. Soll jeder tun, wie er will.“
Sie lächelt.„Unsinn. Glaub ich dir nicht“, sagt sie. Und sie hat vermutlich recht.
Egal. In der kurzen Sprechpause denk ich mir: Meine Antwort hätte ich trefflicher formulieren können. „Sag niemals nie – und heute ist nie.“ Das hätte auch bestätigt, dass ich eben nicht zu den Guten gehöre…
In dem Moment stellt sich ein objektiv ziemlich cooler, gut aussehender Typ neben uns an die Bar. Ein Lächeln wie Mickey Rourke in 9 ½ Wochen und ein Anzug, den man vermutlich gegen einen Kleinwagen tauschen könnte.
Ich deute zweimal ganz kurz mit dem Zeigefinger auf die männliche Erscheinung neben ihr und zwinkere ihr zu. Sie beugt sich zu mir, flüstert mir ins Ohr:„Du bist lustig.“
Dann dreht sie sich zu Mickey Rourke und sagt:„Ich hab dich hier noch nie gesehen…“
Ich nicke dem Barkeeper zu. „Zahlen bitte.“„Hat’s geschmeckt?“, fragt er. Ich zeige aufs Glas: „War in Ordnung – als ich das ganze Gewächshaus runter geräumt hatte.“ Er lacht.
Und beim Rausgehen denk ich mir:
Ich sag’s, wie’s ist: Manchmal reicht ein Drink ohne Strohhalm, ein Gespräch mit Stil und ein Hollywood-Star, um sich wieder ein kleines Stück echter zu fühlen.



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