Was sagt man, wenn Worte nicht reichen?
- Christoph

- 17. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Ich sitze im Auto. Ganz normaler Tag.
Kein Pathos. Kein Sonnenuntergang. Kein Kinomoment.
Radio läuft nebenbei.
Und plötzlich singe ich mit.
Ohne nachzudenken.
Ohne mich zu fragen, warum genau jetzt.
„What would you say… when words are not enough…“
Ich singe die Zeile einfach mit. So halb laut. So halb ironisch. So halb ernst.
Und erst danach denke ich: Moment.
Das ist doch Johnny Logan.
European Song Contest. 1987.
„Hold Me Now.“
Große Bühne. Große Emotion. Ein Lovesong, ja.
Aber um Lovesong geht´s gar nicht so,
sondern diese eine Zeile bleibt hängen wie ein Ohrwurm mit Tiefgang:
What would you say when words are not enough?
Und während ich weiterfahre, frage ich mich:
Was würde ich sagen?
Was sagt man denn wirklich, wenn Worte nicht reichen?
Weil wir sagen ja ständig irgendwas.
Wir sagen:
„Passt schon.“ „Wird schon.“ „Alles gut.“ „Kein Problem.“
Und manchmal ist es nicht klar.
Und manchmal ist es nicht gut.
Und manchmal passt gar nichts.
Aber wir sagen es trotzdem.
Vielleicht sind Worte oft nur Pflaster.
Schnell drauf.
Hält halb.
Fällt wieder runter.
Es gibt Momente, da merkst du:
Du könntest jetzt den perfekten Satz formulieren.
Mit Nebensatz.
Mit Pointe.
Mit Dramaturgie.
Und trotzdem würde er das Gefühl nicht transportieren.
Das ist wie wenn du versuchst, mit einer Sprachnachricht zu umarmen.
Geht nicht.
Es gibt diese Situationen, in denen jemand vor dir steht und du weißt:
Alles, was ich jetzt sage, ist entweder zu wenig oder zu viel.
Also sagst du irgendetwas in der Mitte.
„Ich verstehe.“
Und weißt genau:
Nein, tust du nicht.
Du versuchst nur, da zu sein.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Vielleicht ist „nicht genug Worte haben“ kein Defizit.
Vielleicht ist es ein Zeichen, dass gerade etwas passiert, das größer ist als Sprache.
Manchmal reichen Worte nicht.
Dann reicht ein Blick.
Ein Schulterzucken.
Ein „Ich bleib da.“
Oder auch einfach: Nichts.
Und das meine ich nicht pathetisch.
Ich meine dieses ehrliche Nichts.
Nicht das beleidigte.
Nicht das manipulative.
Sondern das stille.
Das, das sagt:
Ich muss hier nichts glänzen.
Ich muss hier nichts lösen.
Ich muss hier nichts erklären.
Ich bin einfach da.
Und dann gibt es auch diese andere Variante – wo Worte nicht reichen,
weil dein Gegenüber sowieso nicht zuhört.
Da könntest du Shakespeare zitieren, Goethe rezitieren,
oder Johnny Logan persönlich vorbeischicken.
Und es würde trotzdem nichts ändern.
Dann sind Worte nicht zu wenig.
Dann sind sie einfach nur überflüssig.
Ich glaube, wir überschätzen Sprache manchmal.
Wir reden.
Wir erklären.
Wir analysieren.
Wir zerlegen.
Und glauben, wenn wir es nur gut genug formulieren,
wird alles klar. Wird es aber nicht immer.
Manche Dinge versteht man nicht mit Worten.
Sondern mit Haltung.
Mit Blick.
Mit Konsequenz.
Mit Präsenz.
Vielleicht ist die Frage also gar nicht: Was würdest du sagen?
Sondern: Was tust du, wenn Worte nicht reichen?
Bleibst du?
Gehst du?
Schweigst du?
Hältst du aus?
Oder redest du weiter,
nur damit die Stille nicht gewinnt?
Ich mag den Gedanken,
dass es Situationen gibt,
in denen Worte nicht genug sind.
Weil das bedeutet,
dass es Dinge gibt,
die größer sind als Sprache.
Und das ist eigentlich beruhigend.
Denn Sprache ist mein Werkzeug.
Aber nicht alles im Leben ist ein Text.
Manches ist einfach ein Moment.
Und manchmal ist das Beste, was man sagen kann: Nichts.
Mit einem leichten Lächeln.
Und einem „Ich bin da“ im Blick.
Ich sag, wie’s ist:
Wenn Worte nicht reichen, ist vielleicht endlich etwas Echtes im Raum.



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