Weltrekord in Identitätsverlust. Dauer: 14 Minuten
- Christoph

- 12. Juni 2025
- 2 Min. Lesezeit
(Ein Selbstversuch mit Anzug, Sneakers und einem Cortado.)

Freunde, Freunde, Freunde,
Vor kurzem hab ich mich noch köstlich über Männer in der Midlife-Crisis amüsiert. Ihr kennt ihn bereits. Der Typ an der Tankstelle mit Ferrari-Schlüssel locker in der Hand, Haarstruktur wie aus der Produktentwicklung von Dyson, Designerhoodie, der aussieht wie ein Marken-Relaunch in Textilform. Und dann bestellt der sich dort auch noch einen Cortado.
Einen Cortado. An der Zapfsäule. Irgendwo auf der Autobahn zwischen Veranstaltung und Vortrag. Wo man bis vor Kurzem dachte, das sei ein spanisches Reinigungsmittel.
„Oida. Das ist nicht Persönlichkeit. Das ist Marketing mit Burnout.“
Tja. Und jetzt haltet euch fest. Seit heute 8:31 Uhr bin ich offiziell selbst in der Phase.
Wie ich das weiß? Weil ich heute früh mit Anzug, Sneakers und null Socken vorm Spiegel stand und dachte:„Nice. Irgendwas zwischen Creative Director, Start-up-Visionär und Daddy Cool.“
Aber mein inneres Marketing-Cockpit hat sofort Alarm geschlagen:
Authentizitätsindex: im roten Bereich
Emotionaler Zielgruppen-Fit: wackelig
Style-Engagement: unter 3%
Ich hab ausgesehen wie ein CEO auf LinkedIn, der zu viele TED-Talks gesehen hat und jetzt glaubt, er müsse sich selbst als Lifestyle-Brand positionieren.
In meinem Kopf lief das komplette Branding-Desaster:
🌀 Persona - unstimmig
🌀 Value Proposition - unklar
🌀 Narrativ - völlig überladen
Ich hab sogar kurz überlegt, mir ein Moodboard für mein Leben zu machen. Mit Werten wie „authentisch“, „vielseitig“ und „Sneaker-kompatibel“.
Vielleicht noch ein Podcast dazu – irgendwas mit „Purpose“, „Progress“ und „Prostata“.
Und dann driftete ich komplett ab. Ich hab mich selbst betrachtet wie eine Case Study auf Slide 7 – und gedacht, ich müsste jetzt konsequent dranbleiben. Vielleicht ist das ja jetzt mein neues Ich?
Vielleicht eröffne ich demnächst ein Pop-up-Café. Mit Industrial-Look, ohne Kassen, nur QR-Codes. Heißt natürlich nicht „Café“.Sondern: „Kontext.“
„Dort gibt’s dann Brot gratis – aber nur, wenn du vorher ein Werte-Manifest unterschreibst.“ Du kannst keinen „Kaffee“ bestellen, nur ein „Statement in zwei Röststufen“. Und es wird nichts verkauft – es wird transformiert.
Ich wär dann der Typ hinterm Tresen. Mit Brille, aber ohne Dioptrien. Im Hoodie mit Stickerei:
„Identity is the new ROI.“
Und dann… kam 8:45 Uhr.
Ich hab mich umgezogen. Jeans. Socken. Ein Pulli, der nix behauptet –außer: blau. (Hellblau, man beachte.)
Und das war’s. Meine Midlife-Crisis hat exakt 14 Minuten gedauert. Vermutlich ein neuer Rekord. Guinness Book of Records? Ich wäre bereit.
Oder zumindest eine Fußnote auf Seite 324:"Kürzeste existenzielle Umorientierung eines Mannes mit Vollwaschprogramm und Espressomühle."
Ich sag’s, wie’s ist:
Nicht jede Krise braucht ein Rebranding.
Manchmal reicht ein Kleiderwechsel. Und die Erkenntnis, dass man sich über den Ferrari-Mann vielleicht nicht mehr ganz so laut lustig machen sollte.
Weil… naja…man bestellt zwar noch keinen Cortado. Aber man googelt schon, was das überhaupt ist.



Musste weltrekordverdächtig schmunzeln bei der lektüre...