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Wenn Hass mehr Rendite bringt


Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben in einer Zeit, in der sich Emotionen wie Aktien verhalten.


Manche steigen.

Manche fallen.


Und manche scheinen plötzlich eine unglaubliche Rendite zu bringen.


Hass zum Beispiel.

Der performt gerade erstaunlich gut.


Man sieht es überall.

Ein einziger wütender Satz

bekommt mehr Aufmerksamkeit

als zehn vernünftige Gedanken.


Ein scharf formulierter Kommentar

läuft schneller durch die Welt

als eine differenzierte Überlegung.


Empörung hat Reichweite.

Gelassenheit eher nicht.


Es wirkt fast so, als hätte jemand heimlich die Spielregeln verändert.

Früher – zumindest bilde ich mir das ein – war Höflichkeit eine Tugend.

Heute wirkt sie manchmal wie ein Algorithmusproblem.


Zu wenig Drama.

Zu wenig Reibung.

Zu wenig Klicks.


Hass hingegen ist wie ein Investment mit Sofortgewinn.


Er bringt Aufmerksamkeit.

Reaktionen.

Applaus aus der eigenen Blase.


Und das Verrückte ist:

Je härter der Ton,

desto größer oft die Bühne.


Man könnte fast glauben, dass wir uns daran gewöhnt haben.


Dass Wut schneller ist als Nachdenken.

Dass Lautstärke stärker wirkt als Argumente.


Und dass ein Satz, der spaltet, oft erfolgreicher ist als einer, der verbindet.


Dabei passiert etwas Seltsames.

Die Welt wird dadurch nicht klarer

Sie wird nur enger.


Menschen ziehen sich zurück in ihre kleinen Gedankenzimmer, in denen nur noch das gilt,

was sich richtig anfühlt. Nicht unbedingt das, was richtig ist.


Und ja, ich verstehe es ein Stück weit.

Hass ist einfacher.


Er braucht keine Geduld.

Keine Differenzierung.

Keine Selbstreflexion.


Liebe – oder nennen wir es meinetwegen Respekt – ist komplizierter.

Sie verlangt Zuhören. Manchmal sogar Verständnis.


Und Verständnis ist heutzutage fast schon eine mutige Handlung.

Was mich daran am meisten beschäftigt, ist nicht die Lautstärke.

Es ist die Geschwindigkeit.


Wie schnell wir bereit sind, Menschen in Schubladen zu stecken.

Wie schnell aus einem Gedanken ein Lager wird.


Und wie wenig Zeit wir uns manchmal nehmen, um überhaupt noch miteinander zu reden.


Vielleicht ist das die eigentliche Frage unserer Zeit:

Nicht, wer recht hat.

Sondern wie wir miteinander umgehen, wenn wir nicht derselben Meinung sind.


Ich beobachte das alles.

Nicht mit erhobenem Zeigefinger.

Eher mit einer Mischung aus Verwunderung und einem kleinen Kopfschütteln.


Denn wenn Hass wirklich die bessere Rendite bringt, dann läuft in diesem emotionalen Markt irgendetwas gehörig schief.


Ich sag wie’s ist:

Vielleicht bringt Liebe weniger Klicks.

Vielleicht ist Respekt kein virales Geschäftsmodell.


Aber ich habe noch nie erlebt, dass eine Welt besser geworden ist,

weil Menschen einander mehr gehasst haben.

 
 
 

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