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Wer bist du?


Das ist so eine Frage, die man nicht stellt, wenn man Smalltalk will.

Und auch nicht, wenn man schnell fertig werden möchte.


„Wer bist du?“

Nicht dein Name.

Nicht dein Titel.

Nicht dein Job.

Nicht das, was auf deiner Visitenkarte steht oder in deinem Profiltext.


Auch nicht dein Geld.

Nicht dein Auto.

Nicht deine Wohnung, oder Haus in dem du lebst

Nicht deine Religion.

Nicht deine politische Haltung.

Nicht einmal deine Freunde oder deine Familie.


Und ganz sicher nicht dein Ego.


Und trotzdem beantworten wir diese Frage fast immer genau mit diesen Dingen.

Weil sie greifbar sind.

Weil sie Ordnung machen.

Weil sie eine Geschichte erzählen, die sich gut anhört.


Ich ertappe mich selbst dabei.


Manchmal schaue ich Menschen an und denke:

Ah, ich weiß, wer du bist.


Und manchmal liege ich damit so daneben, dass es fast schon wieder komisch ist.


Denn dann stellt sich heraus:

Ich kenne nur den Namen.

Vielleicht noch den Job.

Vielleicht ein paar gut einstudierte Sätze.

Vielleicht Werte, die schön klingen, solange man sie nicht testen muss.


Und wenn man sie testet?

Dann lösen sie sich auf wie Zucker im heißen Kaffee.

Süß am Anfang.

Aber am Ende bleibt nur Flüssigkeit.


Das ist kein Drama.

Es ist auch kein Weltuntergang.

Es ist eher so ein stilles Aha.


Man merkt plötzlich:

Ich habe mir da etwas zusammengereimt.

Ich habe jemandem Eigenschaften zugeschrieben, die er nie hatte.

Oder vielleicht hatte er sie – nur nicht für mich.

Oder nicht dann, wenn es unbequem wurde.


Und das Gemeine daran ist:

Man merkt es nicht sofort.

Man merkt es erst, wenn es darauf ankommt.

Wenn Entscheidungen getroffen werden müssten.

Wenn Haltung gefragt wäre.

Wenn es keine Bühne gibt, sondern nur Konsequenzen.


Dann bleibt oft nicht viel übrig.


Und dann steht man da und denkt sich:

Interessant. Ich weiß eigentlich gar nicht, wer du bist.


Nicht aus Enttäuschung.

Eher aus Verwunderung.


Weil man geglaubt hat, man hätte es verstanden.

Weil man geglaubt hat, Werte wären etwas Stabiles.

Etwas, das bleibt, wenn niemand zuschaut.


Vielleicht ist genau das der Punkt.


Wer bist du, wenn es nichts mehr zu gewinnen gibt?

Wer bist du, wenn es unpraktisch wird?

Wer bist du, wenn du dich nicht erklären kannst?

Oder willst?


Und wer bin ich eigentlich selbst?


Auch keine leichte Frage.

Weil ich mir meine Antworten genauso gern zurechtlege.

Weil ich mich auch gern über Dinge definiere, die gut aussehen.

Oder gut klingen.

Oder zumindest beruhigend wirken.


Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich:

Das Entscheidende ist nicht das, was man sagt und tut.

Sondern das, was übrig bleibt, wenn man nichts mehr sagen muss.


Vielleicht ist „Wer bist du?“ gar keine Frage, die man beantworten kann.

Vielleicht ist es eher eine Beobachtung.

Etwas, das man sieht.

Oder eben nicht.


Und vielleicht reicht das auch schon.


Ich sag, wie’s ist:

Manchmal ist es ehrlicher zu sagen „Ich weiß es nicht“

als sich selbst oder andere mit schönen Etiketten zu bekleben.

 
 
 

2 Kommentare

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Moni (Rosi)
13. März
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Wieder mal ein sehr schöner Text, der zum Nachdenken anregt.

Ich denke viel zu viele von uns leben ihr Leben auf eine Art und Weiss (dazu gehört auch was man sagt und welche Meinung man vertritt) um anderen zu gefallen und um dazuzugehören.

Wenn man das zu lange macht und sich zu lange zu sehr verbiegt bzw nicht authentisch ist in dem was man sagt, tut und lebt, dann wird irgendwann der Punkt kommen an dem sich das auch auf den Körper auswirkt. Gedanken werden Worte, Worte werden Taten und das wirkt sich aus : auf uns und auf andere. Herauszufinden wer man selbst ist und den eigenen Weg zu finden dauert, aber ich glaube das ist der Schlüssel um…

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Gast
13. März
Antwort an

Und das sowohl in körperlicher als auch in mentaler Hinsicht...Manchmal ist es traurig, dass sich Menschen so unglaublich verbiegen und es gar nicht selber merken. Oder sie belügen sich selbst...Der Körper wird´s zeigen und die Seele wird leiden.

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