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Marketing ist nicht oberflächlich Wir sind´s.




(Warum wir Beziehungen wie Produkte behandeln – und uns dann über Werbung beschweren und warum ich mir vielleicht doch kein neues MacBook kaufe.)


Neulich saß ich mit meinem Freund Ben in einer Bar. Er arbeitet auch im Marketing, was man merkt – er spricht in Claims und denkt in Zielgruppen.

Irgendwann sagt er:„Weißt du, wenn Beziehungen Produkte wären, wären die meisten Leute Elektroschrott.“

Ich: „Hä?“

Er: „Na ja – man benutzt sie, solange sie funktionieren. Wenn sie knacken, piepen oder nicht mehr updaten: zack, weg damit. Wenn’s gut läuft, wandert der*die Ex in den emotionalen Keller – für 'schöne Erinnerungen'. Wenn nicht, direkt in den digitalen Müllcontainer. Blockiert, gelöscht, recycelt.“


Und weißt du was? Ich hab gelacht – und dann geschluckt. Denn er hat recht.

Ich dachte immer, Marketing verarscht uns. (man sieht ich bin durchaus selbstkritisch) Diese glatten Versprechen, die überinszenierten Menschen, die Produkte, die angeblich Leben verändern.


Aber irgendwann hab ich verstanden: Marketing kann gar nicht tiefer sein als wir selbst.

Es zeigt uns nur genau das, was wir längst leben – bloß in hübscher. Mit Filter, Musik und Call-to-Action.

„Kauf das, dann wirst du geliebt.“„Benutz das, dann bist du wer.“„Hol dir das Upgrade – und fühl dich wieder lebendig.“


Klingt wie Werbung? Klingt auch wie die ersten Eindrücke jeder modernen Beziehung.

Wir beenden Beziehungen nicht, weil wir unglücklich sind – sondern weil da draußen jemand Neues attraktiver aussieht. Weil sich alles viel leichter anfühlt und wir müssen uns ja nur ein wenig verbiegen, damit wir alle neuen vermeintlichen Goodies in Anspruch nehmen können. Weil jemand gerade seine Beta-Version online stellt: poliert, vielversprechend, noch nicht getestet. Das alte Modell? Kein Update, kein Reiz, keine Überraschung.

Weg damit. Neues Modell. Limited Edition. Mit besseren Bauchmuskeln, mehr Urlaubsfeeling und spiritueller Achtsamkeit.


Und dann regen wir uns über Werbung auf.

„So fake!“„So manipulativ!“„So unmoralisch!“


Dabei posten wir gleichzeitig Selfies mit Captions wie:„Learning to put myself first ✨ Toxicity hat hier keinen Platz mehr 💅“

Subtext: Ich hab jemanden fallengelassen wie ein Abo, das nicht mehr liefert. Und alle applaudieren. Weil wir gelernt haben: Gefühle sind schön – solange sie sich rechnen.

Weißt du, was das Bitterste ist?


Früher hätte man versucht, das alte Produkt zu reparieren, weil es einem mal wirklich viel bedeutet hat. Heute?

Weg damit. Nicht mal in den Keller – einfach in den Mist. Nicht aus Bosheit, sondern aus Bequemlichkeit. Weil sich niemand mehr fragt: Was war eigentlich kaputt – das Produkt, oder mein Umgang damit?


Und am Ende?


Da sitzen wir mit einer halbgaren Erkenntnis, einem passiv-aggressiven Playlist-Namen und dem Gefühl, wir müssten „an uns selbst arbeiten“.Was wir wirklich tun, ist: den nächsten Launch vorbereiten. Neues Design, besseres Branding, emotional optimierter Auftritt –damit wir beim nächsten Mal noch überzeugender scheinen, nicht echter sind.


Ich sag, wie’s ist: Marketing ist nicht das Problem. Es ist nur der Spiegel. Und wenn du da drin nur einen Rabattcode siehst – dann bist du halt längst im Sale.

 

 
 
 

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