Zapfsäule mit Umarmung
- Christoph

- 12. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Ich war unterwegs, Termin – gut, das ist ja nichts Neues.
Aber darum geht’s gar nicht.
Die Tankuhr blinkt: Wird dringend.
Also: Nächste Tankstelle – kommt auch gleich.
Selbstbedienung, gleich zahlen an der Zapfsäule.
Denk mir: „Christoph, du bist im Moment in vielen Situationen, die du noch nicht kanntest – also, frisch ran.“
Zapfsäule 1.
Ich steige aus – und plötzlich steht eine ältere Dame vor mir.
Nein, falsch – nicht nur älter: 84, wie sich später herausstellt.
84 – ein Alter, in dem man normalerweise längst die geheime Kunst beherrscht, Tankstellen anzuschauen, bis der Tank sich aus Respekt von selbst füllt.
Mit leiser, etwas hilfloser Stimme fragt sie:
„Könnten Sie mir helfen beim Tanken? Ich kenn mich nicht aus.“
Ich: „Gnädige Frau, ich tue mein Bestes.“
Also lese ich die Anleitung.
Währenddessen erzählt sie mir, dass sie zu Bekannten ins Waldviertel fährt.
Dass sie sich schon so freut.
Dass sie Krebs hinter sich hat, die Ärzte sie schon aufgegeben hatten – aber die Alternativmedizin hat sie zurückgeholt.
Es geht ihr ganz gut – na ja, Rücken und Gelenke, aber das passt schon.
Ich bin voll konzentriert an der Säule, nicke verständnisvoll.
Ich komme mir vor wie ein Chirurg im OP – nur dass mein Patient in diesem Fall eine Zapfpistole ist, die ein Eigenleben hat.
Dann sage ich: „Übrigens, die Säule will etwas von Ihnen wissen.“
Sie: „Die Säule spricht?“
Ich: „Nein, hier steht: Wie viel wollen Sie tanken?“
Wir einigen uns auf 50 €.
Ich bemerke: „Für das kleine Auto?“
Sie: „Ich denke schon.“
Sie gibt den PIN ein, ich tanke – und siehe da: Es gehen nur Liter im Wert von 44,60 € hinein.
Ich beichte ihr das – obwohl ich nichts zu beichten habe.
„Das haben Sie perfekt gemacht“, sagt sie.
„Bekommen Sie jetzt etwas dafür?“
Ich: „Irgendwie sind das doch die kleinen Dinge, die zählen.“
Sie: „Sie sind ein lieber Mensch.“
Ich: „Falsch – ich bin der beste.“
Sie lacht.
„Und sagen Sie mal, helfen Sie jeder Dame an der Zapfsäule so charmant, oder hab ich heute einfach Glück?“
Ich: „Ich helfe nur denen, die es schaffen, mich mitten am Arbeitstag spontan ins Waldviertel zu entführen – zumindest im Kopf.“
Wir schauen uns an – und wie abgesprochen breiten wir beide die Arme aus und umarmen uns. (wer mich kennt nicht so einfach bei mir) Ja, das klingt pathetisch, aber ich habe keine anderen Worte dafür: Mit keinem Geld der Welt bezahlbar.
Wir verabschieden uns.
Ich: „Fahren Sie vorsichtig, keine Eile, auch wenn Sie sich schon so freuen.“
Sie: „Und Sie, junger Mann – passen Sie gut auf, dass Sie so bleiben, wie Sie sind.“
Ich muss schmunzeln (nicht nur wegen dem jungen Mann), steige ins Auto, fahre los – und fünf Minuten später fällt es mir auf:
Eigentlich wollte ich doch tanken…
Also, wo ist die nächste Tankstelle?
Nachklang im Kopf:
Manche Begegnungen sind wie kleine Postkarten aus dem Alltag – bunt, völlig unerwartet, und man weiß nicht, ob man lachen, philosophieren oder einfach „bitte mehr davon“ sagen soll.



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