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Zwischen Zeitschriften und Zufällen


Schon mal hat jemand zu mir gesagt, ich wirke manchmal ein bisschen wie William Thacker aus Notting Hill – dieser leicht zerstreute Buchladenbesitzer, der immer so aussieht, als hätte er vergessen, warum er überhaupt irgendwo hingegangen ist.

Vielleicht war’s heute wieder so ein Moment.


Ich wollte eigentlich nur schnell in den Buchladen – na gut, streng genommen war’s ein Zeitschriftenladen am Bahnhof. Kein charmant verstaubtes Geschäft mit verwinkelten Gängen, eher eine Mischung aus Neonlicht, Kaffeeduft und Souvenirladen-Melancholie.


Mein Ziel: „brand eins“.

Eher aus Nostalgie – ich hab das früher oft gelesen, voller Überzeugung, dass irgendwo zwischen Inhaltsverzeichnis und Fußnote die Welt erklärt wird.


Ich stand also da, halb gedanklich noch bei meiner Präsentation von gestern Vormittag, als ich plötzlich eine Frauenstimme hörte – so halb zu sich selbst, halb in die Luft gesprochen:

„Ich weiß gar nicht, ob ich wieder so einen Liebesroman nehmen soll … man weiß ja eh immer, wie’s ausgeht.“


Mein Reflex: „Na hoffentlich gut.“


Sie drehte sich um – Anfang 60 vielleicht, elegant, mit einem Parfum, das irgendwie nach Erinnerung roch – und lachte kurz überrascht.

„Na, das will man ja hoffen.“


Und schon waren wir mitten in einem Gespräch, das in keinem Buch stand.


Sie erzählte mir, dass sie eigentlich gar keinen Roman brauche, sondern „irgendwas Leichtes für den Urlaub“.

Sie fliege zu ihrer Tochter, „wegen der Enkel“.

„Aber wahrscheinlich komm ich eh nicht zum Lesen“, meinte sie, „die zwei sind wie kleine Duracell-Hasen, nur mit mehr Fragen.“


Ich grinste. „Dann nehmen Sie was Dünnes. Für die fünf ruhigen Minuten zwischen Frühstück und Gute-Nacht-Geschichte.“

Sie: „Oder was Dickes. Damit’s wenigstens so aussieht, als hätt ich’s ernst gemeint mit dem Lesen.“


Wir lachten beide, und ich dachte mir – das sind die besten Begegnungen: zufällig, unaufdringlich, ehrlich.

So, als hätte das Leben kurz auf Pause gedrückt, nur um uns einen Dialog zu schenken.


„Und Sie?“ fragte sie dann. „Was lesen Sie?“

Ich zeigte auf das Magazin in meiner Hand.

„Das hier – brand eins. Wirtschaft, Kreativität, ein bisschen Philosophie … oder sagen wir, es tut so, als wär’s Philosophie.“


Sie lachte wieder. „Na, dann lesen Sie ja über mich. Ich war 35 Jahre Buchhalterin. Ich wusste nie, wie die Welt funktioniert, aber ich konnte sie ausrechnen.“

Ein Satz, der hängen blieb wie ein gut gewählter Buchtitel.


Am Ende entschied sie sich für ein Buch mit einem gelben Cover.

„Gelb ist eine gute Farbe für Anfang Oktober“, sagte sie. „Da kann man das Grau wenigstens in der Tasche lassen.“


Ich nickte, zahlte mein Magazin, und wir gingen gemeinsam Richtung Ausgang.

Ich wünschte ihr einen schönen Urlaub, sie mir „viel Erfolg bei was auch immer Sie tun“.


Kurz bevor sich die Türen öffneten, drehte sie sich noch einmal um und sagte:

„Und vergessen Sie nicht – manchmal findet man Geschichten nicht in Büchern, sondern in Buchläden!“


Ich blieb kurz stehen, lächelte und dachte mir:

Vielleicht hat William Thacker ja gar keinen Buchladen gebraucht – vielleicht war er einfach nur jemand, der zuhören konnte.


Ich sag, wie’s ist:

Ich hab die brand eins natürlich schon gekauft – aber ob ich sie heute noch lese?

Vermutlich nicht.

Vielleicht schau ich sie mir nur an – so wie man alte Freunde anschaut und sich denkt:

Schön, dass du noch da bist.

 
 
 

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