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Zeitversetzt



Normalerweise entsteht dieser Text irgendwann zwischen 21:15 Uhr und 22:00 Uhr.

Heute nicht Während du das hier liest, ist dieser Text nämlich schon alt.


Nicht uralt. Aber alt genug, dass ich ihn längst geschrieben habe.


Und genau das fühlt sich merkwürdig an. Denn normalerweise sitze ich jetzt gerade da.

Denke nach. Schreibe. Lösche. (Selten. 😉) Schreibe weiter.


Heute mache ich das nicht.

Warum?

Gute Frage.


Sagen wir einfach so: Es gibt einen Grund, warum ich mir heute nicht sicher bin, ob ich heute Abend Zeit zum Schreiben hätte. Und damit lassen wir das fürs Erste einfach einmal stehen. 😄


Was mich allerdings zu einem anderen Gedanken bringt: Vielleicht ist das heute das erste Mal seit Langem, dass ich tatsächlich vorausplane. Normalerweise schreibe ich meine Texte nämlich überall.


Auf Flughäfen.

In Hotels.

In Bars.


Auf Autobahnparkplätzen mit noch 450 Kilometern vor mir. Einmal vermutlich auch an Orten, an denen man vernünftigerweise gar keine Blogtexte schreiben sollte.


Irgendwie ging es immer. Deshalb irritiert mich die heutige Situation fast ein bisschen.

Denn normalerweise finde ich schon irgendwo zwanzig Minuten. Egal wo.


Aber heute bin ich mir nicht sicher. Und ein Tag ohne Blogtext? No way.


Deshalb sitze ich jetzt hier. Viele Stunden zu früh. Und schreibe einen Text, der heute Abend erscheinen wird, obwohl ich in diesem Moment vermutlich etwas ganz anderes mache.

Oder auch nicht.


Woher wissen wir eigentlich, wann etwas entstanden ist? Diese Zeilen zum Beispiel.


Du liest sie vielleicht um 21:30 Uhr. Oder um 22:00 Uhr. Oder morgen früh beim Kaffee.

Der Text ist jedenfalls schon da.


Und irgendwie finde ich das seltsam.

Vielleicht weil ich meine Texte normalerweise am Abend schreibe. Wenn der Tag vorbei ist. Wenn ich weiß, worüber ich überhaupt nachdenken möchte. Heute wartet der Text auf seinen Auftritt.

Und ich nicht.


Eigentlich verrückt. Wir hinterlassen ständig Dinge, die später ohne uns auftauchen.

Nachrichten.

Fotos.

E-Mails.

Gedanken.


Manchmal sogar Eindrücke bei Menschen. Und oft wissen wir gar nicht mehr, wann etwas eigentlich begonnen hat. Wann genau wurde aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft?

Wann wurde aus einer Idee ein Plan? Oder aus einem Gedanken ein Blogtext?


Interessant eigentlich.


Wir glauben ständig, wir würden den Moment anderer Menschen sehen. Dabei sehen wir oft nur eine Version davon. Vielleicht sitzt jemand am Strand und postet den Sonnenuntergang. Und während wir das Bild anschauen, steht er längst wieder am Flughafen.


Vielleicht sehen wir ein perfektes Frühstück. Und der Mensch dahinter ärgert sich inzwischen über die Supermarktkassa.


Und während wir denken:

„Wow. Der hat's gut.“

steht er vielleicht längst wieder im Büro und sucht die E-Mail, die er gestern vergessen hat.

Vielleicht kennen wir Menschen überhaupt viel öfter zeitversetzt, als wir glauben.


Und glauben, wir wären gerade dabei. Dabei schauen wir meistens in die Vergangenheit. Vielleicht verbringen wir erstaunlich viel Zeit damit, auf Vergangenheiten zu reagieren.


Eigentlich begegnen wir ständig Vergangenheiten. Menschen erzählen von Dingen, die gestern passiert sind. Von Entscheidungen, die sie vor Monaten getroffen haben.


Von Geschichten, die sie seit Jahren mit sich herumtragen. Und wie oft glauben wir:

„Ich weiß, wie es dem gerade geht.“

Dabei wissen wir oft nur, wie es ihm irgendwann einmal gegangen ist. Vielleicht ist Gegenwart die am meisten überschätzte Zeitform überhaupt.


Wobei mir bewusst ist, dass ich mit diesem Satz vermutlich sofort aus sämtlichen Achtsamkeitsseminaren ausgeschlossen werde.


Seit Jahren wird uns erklärt, wir sollen mehr im Hier und Jetzt leben. Den Moment genießen. Im Augenblick sein. Achtsam werden.


Und dann verbringen wir den Abend damit, Fotos anzuschauen, die gestern entstanden sind. Nachrichten zu lesen, die vor Stunden geschrieben wurden. Und Blogtexte, die vermutlich längst fertig waren, bevor wir sie überhaupt geöffnet haben.


Wir leben ständig ein bisschen zeitversetzt. In den Gedanken anderer Menschen.

In ihren Bildern. In ihren Geschichten.


Ich sag, wie's ist:

Während du das hier liest, bin ich vermutlich längst woanders. Wobei das nur eine Vermutung ist. Der einzige Mensch, der das in diesem Moment sicher weiß, ist die Zukunftsversion von mir. Und die hält sich mit Informationen bisher auffallend bedeckt.

 
 
 

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