top of page

Neues aus der Welt des Plastik

(Ich wollte nur meine alte Zulassung tauschen. Ich kam mit Menschen, Gesprächen und wieder einem Zettel raus.)

Freunde, Freunde, Freunde...

Ich hab’s getan. Ich war am Amt.

Genauer gesagt: im Bereich Zulassungsangelegenheiten.


Noch genauer: Ich wollte meine alte, leicht zerzauste Papier-Zulassung gegen eine neue, moderne Scheckkarte eintauschen.


Das klang auf der Website nach einer Sache von 10 Minuten.

(An dieser Stelle darf herzlich gelacht werden.)


Ich komm also hin, Nummer ziehen, hinsetzen.

Vor mir: ein Mann mit zwei Mappen und vielen Geräuschen.

Neben mir: eine Frau, die ihre Uhr hypnotisiert.

Hinter mir: ein Gespräch über einen Hund, der beim letzten aus der wahrscheinlich nicht so ganz echten Gucci-Tasche ausgebüchst ist und die Security einschreiten musste.


Ich lehne mich zurück. Schaue. Warte. Beobachte.

Es ist ein bisschen wie am Flughafen, nur ohne Duty-Free.

Nach 30 Minuten ist mir alles vertraut:

Die Stimme vom Aufrufsystem.

Die Pausen zwischen den Nummern.

Der Blick des Beamten, der nichts mehr überraschen kann.

Und mein innerer Monolog, der langsam das Gespräch übernimmt.


Dann sagt die Frau neben mir:

„Ich muss jetzt drankommen – sonst fang ich an, hier das WLAN zu verbessern.“

Ich nicke. Und antworte:

„Ich hab schon überlegt, ob ich eine Wartelisten-Lesung ins Leben rufe.“

Sie lacht. Erstaunlich viele Menschen lachen.

Es ist wie ein kollektives Aufatmen im Vorzimmer der Formulare.

Dann mischt sich der Mann mit den Mappen ein und erzählt, dass er beim letzten Mal fünf Nummern überhört hat, weil er mit seiner Versicherung telefoniert hat, während sein Sohn auf Lautsprecher TikTok geschaut hat - war´s dann mit dem Termin an dem Tag.

Die Dame mit der Uhr murmelt, sie hätte nächste Woche einen Termin bei der Lungenfachärztin – „aber da geht’s schneller“.


Ein anderer sagt trocken:

„Ich war in der Früh schon Blut spenden. Das ging flüssiger.“

Und ich denke mir:

Das hier ist nicht nur Amt. Das ist Sozialforschung mit Thermopapier.


Dann passiert es:

Auf dem Bildschirm vor mir erscheint ein Satz.

Auf Türkisch. In Großbuchstaben. Mit drei Rufzeichen.

Ich kann kein Türkisch.

Aber es klingt dringlich.

Ich frage einen Herrn zwei Sitze weiter:

„Entschuldigung – könnten Sie mir sagen, was da steht?“

Er schaut. Lächelt.

„Da steht: Bitte kommen Sie JETZT zu Schalter 4!!!“


Ich nicke, bedanke mich –

und in genau diesem Moment springt der Bildschirm um.

Neue Sprache. Serbokroatisch, glaub ich.

Wieder Großbuchstaben. Wieder drei Rufzeichen.

Diesmal murmelt jemand von hinten trocken:

„Heißt das Gleiche. Können sie kein Serbokroatisch?“

Ich denke vielleicht war Latein vielleicht doch das falsche Fach…


Ich liebe diesen Ort.

Dann mischt sich der Mann mit den Mappen ein und erzählt, dass er beim letzten Mal zwei Nummern überhört hat, weil er mit seiner Versicherung telefoniert hat, während sein Sohn auf Lautsprecher TikTok geschaut hat.


Die Dame mit der Uhr murmelt, sie hätte nächste Woche einen Termin bei der Lungenfachärztin – „aber da geht’s schneller“.

Ein anderer sagt trocken: „Ich war in der Früh schon Blut spenden. Das ging flüssiger.“


Und ich denke mir:

Das hier ist nicht nur Amt. Das ist Sozialforschung mit Thermopapier.

Dann – plötzlich – bin ich dran.

Ich reiche kommentarlos mein etwas altes Dokument.

Der Mann hinter seinem Schreibtisch meint: "Na da erkennt man aber auch nur das das Ding gelb ist." Ich antworte entnervt: "Reicht wohl um hier zu arbeiten..."

Der Mann, dem ich da ausgeliefert bin, hat´s nicht gehört...Ich lass es dabei und warte die 15 Minuten ab bis er und sein 286 PC ihren Dienst gemacht haben.


Ich unterschreibe auf einem Gerät, das aussieht wie ein Relikt aus der Jahrtausendwende.

Und erfahre: Die neue Karte wird zugeschickt. Oder ich kann sie in 14 Tagen abholen.

(Nein, man kann nicht drauf warten.)

Ich bekomme ein Schreiben bis ich das Plastik bekomme.

Also tausche ich nur Papier gegen Papier an dem Tag...


Ich gehe raus.

Es regnet. Natürlich.

Aber irgendwas hat dieser Ausflug gehabt.

Ich hab nichts erledigt, was ich nicht auch per Mail hätte machen können.

Aber ich hab drei gute Sätze gehört, einen Kuli geschenkt bekommen,

und kurz darüber nachgedacht, ob ich mein Leben nicht doch noch umsattle.

Auf Bildschirm-Dolmetscher. Oder Nummernversteher.


Ich sag, wie’s ist:

Solche Amtswege sind vielleicht mühsam.

Aber manchmal machen sie aus einem ganz normalen ein Gespräch, das hängen bleibt.

Auch wenn man bis heute nicht weiß, wer Schalter 4 wirklich war.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page