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30 Cent gleich wieder investiert


Ganz vergessen. Die Woche war ich wieder bei meinem Kaffeedealer.

So nenne ich ihn, weil es ehrlicher klingt als „Takeaway“ und weil ich ohne diesen Cappuccino vermutlich ein anderer Mensch wäre. Ein schlechterer.


Der Chef war da. Das erkennt man sofort. Nicht an der nicht vorhandenen Schürze, sondern an dieser Mischung aus Überblick und Müdigkeit. Wir plaudern ein paar Sekunden, so nebenbei, über dies und das. Weihnachtszeit. Seit sechs Uhr früh viel los. Zu viel los. Diese Gespräche, die nicht geführt werden, um Informationen auszutauschen, sondern um kurz zu bestätigen: Ja, wir leben noch.


Ich bestelle wie immer einen großen Cappuccino.

Er sagt: „Gib mir 3,30 heute.“

Ich sage: „Der kostet doch 3,60.“

Er schaut mich an, fast ein bisschen genervt vom Rechnen, und sagt:

„Ich weiß. Ist okay so.“


Danke, sage ich. Wirklich ehrlich.

Und gehe, weil viel los ist und der Chef keine Zeit für große Gesten hat.


Und dann passiert etwas Seltsames.

Kaum draußen, kaum ein paar Schritte weg von der Tür, kommt sie plötzlich hoch:

diese unverhältnismäßig große Freude.

Wegen dreißig Cent.


Dreißig. Cent.

Ich merke, wie ich grinse, und denke mir gleichzeitig: Was stimmt eigentlich nicht mit dir?

Es ist ja nicht so, als hätte ich gerade im Lotto gewonnen. (kann ich nicht, spiel ich nie) Es war kein Lebensretter, kein dramatischer Akt. Vielleicht war es nicht einmal Großzügigkeit. Vielleicht war es Marketing 1.0. Kundenbindung auf Espresso-Niveau.


Aber es hat funktioniert.

Bei ihm.

Und erstaunlicherweise auch bei mir.


Ich gehe weiter Richtung U-Bahn. Auto heute? Nein. Parkplatzsuche in der Innenstadt ist ein psychologisches Experiment, auf das ich nicht vorbereitet bin. Also Ticketautomat. Erwachsenenticket.


Während ich auswähle, merke ich eine Frau hinter mir. Sie hat es eilig. Diese Art von Eile, die nicht laut ist, aber drückt. Man spürt sie im Nacken. Und kramt in der Tasche. Murmelt etwas von "Sch...kein Kleingeld, wo habe ich meine Kreditkarten?"


Und jetzt kommt der Teil, den ich mir selbst nicht ganz erklären kann.


Ich drücke auf „2 Tickets“.

Warte.

Nehme beide.

Drehe mich um und reiche ihr eines.


Kein großer Satz.

Kein Heldentum.

Kein Blick, der sagt: Schau, was für ein guter Mensch ich bin.


Sie schaut mich an und sagt nur:

„Wow, danke. Aber ich habe jetzt kein....“


Und ich unterbreche und sage:

„Schönen Tag.“

Und gehe.


Kein Austausch von Namen.

Keine Geschichte.

Keine Pointe.

Keine Erinnerung wie sie überhaupt ausgesehen hat.


Erst ein paar Schritte später frage ich mich: Warum eigentlich?

Warum habe ich das gemacht?


Nicht, weil ich plötzlich ein besserer Mensch geworden bin.

Nicht, weil ich denke, man müsse ständig nett sein.

(vermutlich weil ich einen Knall habe, liebenswert sagen manche😌)


Vielleicht war es einfach ein Weiterreichen.

Die dreißig Cent vom Kaffee. (macht ein Minus von...😉)

Die kleine Geste, die bei mir hängen geblieben ist.

Diese minimale Verschiebung im inneren Kontostand.


Vielleicht wollte ich sie nicht behalten.

Vielleicht wollte ich testen, ob sie sich verdoppelt, wenn man sie weitergibt.


Oder vielleicht war es nur das Gefühl, dass der Tag sowieso schon läuft.

Dass da gerade etwas im Fluss ist.

Und dass man manchmal einfach mitspielt, statt alles zu hinterfragen.


Ich weiß es nicht genau.

Und ehrlich gesagt: Ich muss es auch nicht wissen.


Aber ich weiß, wie es sich angefühlt hat.

Leicht.

Unaufgeregt.

Richtig.


Ich sag, wie’s ist.

Manchmal hab ich einen Knall. Und manchmal fragt man sich:

"Was war falsch an dem Satz"😉😂



 
 
 

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