Ab durch die Linse
- Christoph

- 1. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Heute ist der 1. Jänner 2026.
Feiertag.
Der Tag danach.
Ich war in der Stadt.
Mit der Kamera. Streetfotografie.
Nicht aus einem großen Plan heraus.
Eher, weil ich dieses Gefühl hatte.
Dieses leise: Da stimmt was nicht.
Nicht mit mir. Nicht konkret.
Mehr so… in der Luft.
Und wenn ich so ein Gefühl habe, gehe ich raus.
Die Linse beruhigt.
Die Stadt wirkt an solchen Tagen wie jemand, der gerade aufgewacht ist und noch nicht weiß, ob er liegen bleiben oder aufstehen soll.
Überall Spuren von gestern.
Konfetti im Rinnsal.
Zerdrückte Becher.
Ein einzelner Luftballon, der sich weigert, seinen Zweck erfüllt zu haben.
Die Trinkstände stehen noch.
Die Souvenirstände räumen bereits ab.
Plastikschweinchen wandern zurück in Kartons.
Kleeblätter verlieren plötzlich ihre Bedeutung.
Ich sehe einen Mann, vielleicht Ende fünfzig, geschniegelt, geschniegelt für nichts.
Er steht vor einem geschlossenen Stand und schaut hinein, als hätte er gehofft, dort noch etwas Wichtiges zu finden.
Vielleicht ein Gespräch.
Vielleicht einen Grund, warum er gestern so lange wach geblieben ist.
Ein paar Meter weiter ein junges Paar.
Sie fotografieren sich gegenseitig.
Nicht zusammen.
Immer einzeln.
Er sagt: „Noch eins, das war nix.“
Sie sagt: „Passt schon.“
Beide lächeln in die Kamera.
Nicht zueinander.
Zwischendurch mache ich Fotos.
Manuell.
Lange Belichtung.
Bewusster Zoom während des Auslösens.
Zoom Burst.
Die Stadt verschwimmt.
Lichter ziehen Kreise.
Menschen werden zu Spuren.
Fast so, als würde alles kurz zeigen, wie es sich anfühlt und nicht, wie es aussieht.
Eine ältere Dame bleibt stehen, schaut mir über die Schulter auf das Display.
„Das ist aber unscharf“, sagt sie.
Ich sage: „Ja.“
Sie nickt.
„Kommt mir bekannt vor.“
Ich sehe eine Gruppe Touristen.
Alle tragen noch ihre Silvesterhüte.
Einer hält einen Stadtplan, als wäre er von gestern.
Sie lachen zu laut.
Nicht aus Freude.
Mehr aus Übung.
Ein Straßenmusiker spielt.
Sehr schön.
Niemand bleibt stehen.
Ein Mann wirft ihm Münzen hin, ohne den Blick vom Handy zu heben.
Der Musiker bedankt sich trotzdem.
Sehr höflich.
Sehr allein.
Ich bleibe stehen, fotografiere einen Besen, der an eine Wand gelehnt ist.
Jemand räumt auf.
Ganz selbstverständlich.
Ohne Pathos.
Ohne Vorsatz.
Und immer wieder dieses Gefühl.
Nicht dramatisch.
Nicht laut.
Eher wie ein Hintergrundrauschen.
Ich mache noch ein letztes Foto.
Zoom Burst.
Alles zieht sich nach innen.
Als würde die Stadt kurz einatmen.
Jemand bleibt neben mir stehen.
Schaut mich an und fragt:
„Geht’s Ihnen gut?“
Ich lächle.
„Ja“, sage ich.
„Alles ok.“
Aber ich bleib dabei:
jetzt auf Wienerisch: "Irgendwos hots do..."
Ich frag dich, wie’s ist!
ALLES OK?



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