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Christoph fährt Zug.



Es gibt Dinge, die mache ich freiwillig ungefähr so oft wie einen Zahnarzttermin ohne Betäubung. Zug fahren gehört dazu. Wobei... wenn ich ehrlich bin, würde ich mir vermutlich eher einen Fuß amputieren lassen, als zum Zahnarzt zu gehen.


Aber das ist eine andere Geschichte.


Nach langer Zeit war es jedenfalls wieder einmal so weit. Die Strecke war ideal, die Verbindung perfekt, Flug Unsinn, das Leben gerade kompliziert genug und für die Autofahrt war ich schlicht zu müde. Also: Bahnhof statt Autobahn.


Und bevor jetzt jemand glaubt, das wird eine Geschichte à la Miss Marple – 16.50 Uhr ab Paddington, ein Vergleich der Pünktlichkeit europäischer Bahnunternehmen oder ein weiterer Vortrag darüber, warum Zugfahren und ich vermutlich nie beste Freunde werden – nein.


Es geht um etwas ganz anderes. 7.32 Uhr. Wien Hauptbahnhof.


Ich steige in den Zug und glaube es selbst kaum: Ich habe tatsächlich eine Sitzplatzreservierung. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an jener Person, die mir beruflich immer wieder den Rücken freihält und offensichtlich genau weiß, dass ich in überfüllten Zügen nur bedingt gesellschaftsfähig bin.


Der Waggon ist angenehm leer.

Ich denke mir: Drei Stunden Ruhe. Ein bisschen arbeiten. Ein bisschen aus dem Fenster schauen. Perfekt. Exakt eine Stunde später setzt sich jemand direkt mir gegenüber.

Ich schaue auf.

Und denke nur:

"Oh Gott. Bitte nicht."

Eine Frau. Das letzte Mal gesehen? Vor ungefähr zehn Jahren. Wir hatten uns damals auf einer Abendveranstaltung kennengelernt. Und sofort war der erste Gedanke wieder da.


Eine arrogante Business-Tussi.

So eine, die glaubt, dass Titel, Haus im Grünen, eine mühsam zusammengesetzte private Bilderbuchidylle, Urlaubsfotos und belangloses Sofa-Geplauder mit bedingtem Wissen ausreichen, um sich ins richtige Licht zu rücken. (Sarkasmus wie man mich kennt😉)


Und jetzt saß genau diese Frau für die nächsten drei Stunden direkt vor mir. Mein Gehirn begann sofort zu arbeiten.


Kann ich den Platz wechseln?

Vielleicht ins Bordbistro?

Oder einfach beim nächsten Halt aussteigen und behaupten, ich hätte den falschen Zug erwischt? Ausreden hatte ich genug.


Dann kam ein freundliches:

„Guten Morgen! Du auch mit dem Zug unterwegs? Wohin geht's denn? Lang nicht gesehen.“

Damit war klar:


Es gibt kein Entkommen. Also blieb ich sitzen. Challenge accepted.


Wir redeten.

Über Welt und weniger über Gott.

Oder besser gesagt: über alles – nur nicht über Religion. 😉


Aus Minuten wurden Stunden.

„Ach echt?“ „Wow.“ „Interessant.“ „Das hätte ich nicht gedacht.“

Der genaue Inhalt unseres Gesprächs spielt heute überhaupt keine Rolle.


Was zählt, ist das, was am Ende übrig geblieben ist.


Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr mit der Frau gesprochen habe, die ich vor zehn Jahren kennengelernt hatte. Ich sprach mit einem Menschen. Mit einem Menschen, der in diesen zehn Jahren Dinge erlebt hatte, von denen ich nichts wusste.


Schöne.

Schwere.

Verändernde.


Mit einem Menschen, der genauso durchs Leben gegangen war wie ich. Und plötzlich wurde mir klar, wie unglaublich anmaßend es eigentlich ist, zu glauben, man kenne jemanden. Nur weil man ihm irgendwann einmal begegnet ist.


Vielleicht sollten wir Menschen nicht nach dem Kapitel beurteilen, in dem wir sie kennenlernen. Denn wir wissen nie, welche Seiten ihres Lebens davor geschrieben wurden. Und wir wissen erst recht nicht, welche danach noch folgten.


Und das, lieber Christoph, solltest du dir wirklich hinter die Ohren schreiben.


Ich sag, wie's ist:

´Vielleicht begegnen wir im Leben gar nicht den falschen Menschen.

Vielleicht steigen wir einfach im falschen Kapitel zu.

 
 
 

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