Die großen Dinge schreien. Die kleinen bleiben.
- Christoph

- 10. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Und nein, das ist keine kokette Untertreibung und auch kein Versuch, dem Großen auszuweichen. Es ist eher das Gegenteil.
Die großen Dinge haben ihre eigene Lautstärke.
Sie drängen sich auf. Sie fordern Aufmerksamkeit.
Sie kommen ungefragt.
Die kleinen Dinge hingegen brauchen jemanden, der hinsieht.
Oder besser: jemanden, der stehen bleibt.
Oft sind es Momente, die ich nicht festhalten kann.
Außer in mir. Dinge, die man nicht erzählen muss, weil sie eigentlich niemandem auffallen.
Und gerade deshalb etwas mit mir machen.
Ich stehe an einer Ampel. Nichts Besonderes. Roter Mann. Autos rauschen vorbei.
Diese kurze kollektive Geduld, die wir alle teilen, ohne uns anzusehen.
Neben mir eine Frau.
Übergroße Handtasche.
Wirklich übergroß.
So eine, in der ganze Lebensabschnitte verschwinden können. Sie beginnt zu kramen. Erst routiniert. Dann konzentriert. Ihr Blick verändert sich. Ein kurzer Stirnrunzler. Dann dieses leicht hektische Suchen mit zwei Fingern. Man sieht förmlich, wie ihr innerer Monolog lauter wird.
"Wenn es nicht da ist – wo habe ich es dann? Und wann? Und warum überhaupt?"
Fünf Gesichtsausdrücke in gefühlt fünf Sekunden.
Und dann – fast unsichtbar – dieser letzte Ausdruck.
Entspannung.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln.
Sie hat es gefühlt und nicht herausgezogen.
Nur gespürt: Es ist da. Alles gut.
Und genau in diesem Moment springt die Ampel auf Grün, als hätte sie gewartet.
Ein kleines Kind. Im Kinderwagen oder an der Hand eines Erwachsenen. Völlig egal.
Was mich fasziniert,
ist nicht das Kind selbst.
Es ist dieser Moment, wenn etwas entdeckt wird, das für uns längst Hintergrundrauschen ist.
Eine Lacke. Ein Hund. Ein Luftballon, der sich bewegt, obwohl ihn niemand berührt.
Diese absolute Ernsthaftigkeit im Blick.
Dieses:
Das ist jetzt wichtig.
Kein Zynismus.
Kein Abwägen.
Kein „passt das gerade“.
Nur Präsenz.
Ich lerne in solchen Momenten nichts Neues. Ich werde nur erinnert.
Eine alte Dame im langsamen Gang. Vielleicht ein Stock. Vielleicht auch nicht.
Aber immer diese Würde, die nichts mit Tempo zu tun hat. Ich sehe, wie sie Dinge tut, die wir verlernt haben. Stehen bleiben, um zu schauen.
Nicht zu prüfen. Nicht zu vergleichen. Einfach schauen. Ein Schaufenster. Ein Baum. Eine Baustelle. Und manchmal dieses kleine, fast schelmische Lächeln.
Als hätte sie etwas verstanden, das wir gerade übersehen.
Dann diese Blume. Durch die Linse meines 85mm Fixbrennweitenobjektivs.
Wer fotografiert, weiß, was ich meine. Diese Distanz, die Nähe erzeugt.
Alles drumherum fällt weg. Kein Kontext. Keine Ablenkung. Nur Form. Farbe. Licht.
Eine Blume wird plötzlich keine Blume mehr. Sondern eine kleine Welt.
Und ich merke jedes Mal:
Wie viel Kraft im Weglassen liegt.
Und dann gibt es diese Momente.
Kein großes Wort. Kein Hallo. Kein Theater. Nur Bewegung.
Plötzlich richtet sich jemand auf. Ein Blick. Ein Gesichtsausdruck.
Wie bei einem vierjährigen Kind, das genau das Hutschpferd unter dem Weihnachtsbaum sieht, das es sich vom Christkind gewünscht hat.
Dann weiß ich – ohne Worte – es geht um mich.
Ein Tier. Egal welches. Hund. Katze. Vogel.
Diese ehrliche Reaktion.
Keine Ironie.
Keine zweite Ebene.
Freude ist Freude.
Vorsicht ist Vorsicht.
Neugier ist Neugier.
Tiere spielen nichts vor. Und vielleicht berühren sie mich genau deshalb so sehr,
weil sie mir zeigen,wie viel Energie wir Menschen darauf verwenden, Dinge nicht zu zeigen.
All diese kleinen Szenen haben etwas gemeinsam.
Sie drängen sich nicht auf. Man muss sie wollen. Oder zumindest zulassen.
Für mein Gemüt ist das ein Geschenk für meine Seele.Wenn man so will. Ich sammle keine Erfolge. Keine Meilensteine. Keine Superlative. Ich sammle Momente. Momente, die mir zeigen, dass die Welt nicht lauter werden muss, damit sie wirkt.
Und ja –
es hilft mir auch beruflich.
Gerade im Marketing. Wer kleine Dinge erkennt, erkennt Zwischentöne.
Blicke. Pausen. Ein Zögern. Ein Lächeln nach einem Satz. Wer gelernt hat, auf kleine Dinge zu achten, versteht Menschen besser. Nicht als Zielgruppe sondern als Wesen mit Stimmung, Tagesform und Geschichte.
Ich sage nicht, dass das der einzig richtige Weg ist. Aber es ist meiner. Und er hat mir gezeigt: Größe hat nichts mit Lautstärke zu tun.
Ich sag wie’s ist:
Die kleinen Dinge haben mich nie enttäuscht.
Die großen schon öfter.



Kommentare