Drei Ecken später.
- Christoph

- 28. Juli
- 2 Min. Lesezeit

Heute habe ich eine E-Mail bekommen. Das allein ist jetzt keine Schlagzeile, die morgen weltweit für Furore sorgen wird.
Wobei ... je nach Betreffzeile mein Puls inzwischen ohnehin schneller schlägt. Bei "Dringend" zum Beispiel regt mich das gar nicht mehr auf. Da malt sich mein Kopf innerhalb von drei Sekunden bereits Szenarien aus, die mit der Realität meistens herzlich wenig zu tun haben.
Interessant war diesmal aber gar nicht, was in der E-Mail stand. Sondern wie sie bei mir angekommen ist.
Sinngemäß lautete sie ungefähr so:
"Lieber Christoph, ich habe eine Nachricht von XY bekommen. Darin steht, dass YZ gerne hätte, dass du bitte noch dieses oder jenes berücksichtigst."
Während ich darüber nachdachte, musste ich plötzlich an den Kindergarten denken. An ein Spiel, das wahrscheinlich jeder von uns einmal gespielt hat.
Stille Post.
Eigentlich erstaunlich, welche Dinge ein Kopf jahrzehntelang aufbewahrt. Den Namen meiner Kindergärtnerin würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr zusammenbringen. Aber an dieses Spiel erinnere ich mich sofort.
Einer flüstert dem Nächsten einen Satz ins Ohr.
Der flüstert ihn weiter.
Dann noch einmal.
Und noch einmal.
Am Ende kommt meistens etwas völlig anderes heraus.
Damals haben wir darüber gelacht. Heute passiert genau dasselbe. Nur sitzen wir nicht mehr im Kindergarten. Wir sitzen in Meetings, schreiben Nachrichten, posten auf Social Media oder erzählen beim Kaffee Geschichten, bei denen wir selbst gar nicht dabei waren. Früher brauchte eine Geschichte dafür zehn Kinder, die im Kreis saßen. Heute reicht manchmal eine WhatsApp-Gruppe.
Manche Geschichten verändern sich unterwegs nicht, weil jemand bewusst lügt. Sie verändern sich, weil sie sich einfach besser erzählen lassen. Ich glaube sogar, dass wir das alle schon einmal gemacht haben. Nicht aus Bosheit. Sondern weil sich eine "Pointe" besser angefühlt hat. Weil ein Detail spannender war. Oder weil eine Geschichte in der zweiten Version einfach unglaublicher klang als in der ersten.
Ein bisschen spannender.
Ein bisschen dramatischer.
Ein bisschen heldenhafter.
Oder ein bisschen tragischer.
Im Marketing würde man wahrscheinlich sagen: Die Geschichte wurde optimiert.
Eigentlich faszinierend. Wir optimieren heute Fotos. Lebensläufe. LinkedIn-Profile.
Warum also nicht auch Geschichten? Das gilt übrigens nicht nur für die Geschichten anderer.
Manche Lebensläufe wirken plötzlich beeindruckender, als sie tatsächlich waren
Aus einer Idee wird ein Projekt.
Aus einem Projekt wird eine Leitung.
Aus einer Mithilfe wird Verantwortung.
Früher hätte man wahrscheinlich einfach gesagt: "Ein bisschen schöngeredet."
Heute klingt das deutlich professioneller. Und genau das passiert nicht nur mit uns selbst. Sondern auch mit Geschichten über andere Menschen. Ganz ehrlich.
Wenn ich alles glauben würde, was mir in den letzten Monaten ungefragt über das Verhalten oder die Taten anderer Menschen erzählt wurde, müsste entweder der Letzte in der Kette ein hoffnungsloser Lügner sein ...
... oder ich müsste meinen Glauben an die Menschheit komplett verlieren.
Ich vermute, die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen.
Vielleicht hat jeder einfach nur ein kleines Wort hinzugefügt. Einen Nebensatz weggelassen. Eine Betonung verändert. Und am Ende weiß niemand mehr, wie sie ursprünglich einmal begonnen hat. Und ich hab am Ende die Letztfassung serviert bekommen - ohne jemals danach gefragt zu haben.
Ich sag, wie's ist:
Vielleicht spielen wir Stille Post gar nicht nur im Kindergarten.
Wir haben einfach irgendwann aufgehört, im Kreis zu sitzen.



Meine Geschwister und ich haben das Spiel in unserer Kindheit geliebt!
...und bei manchen Geschichten, die einem so zugetragen werden, will man die Originalstory lieber nicht in Erfahrung bringen...glaub mir😉
Guten Morgen Christoph! Wusstest du, dass der Herbert...naja zumindest hat es Klara mir erzählt...😂