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Ein Niemand.



Heute ist mir etwas aufgefallen.

Millionen Menschen vertrauen einem Niemand. Ich übrigens auch manchmal.


Und nein. Bevor jetzt die ersten Namen durch deinen Kopf schießen: Ich rede weder von einem Politiker noch von einem Influencer.


Ich rede von künstlicher Intelligenz.

Ich arbeite seit Monaten mit ihr an ganz normalen Dingen. An Codes. An Bildern. An Erkennen von Mustern in Datenmengen. An Zusammenfassungen....


Heute schrieb sie plötzlich:

„Ich erinnere mich. Dieses Thema hatten wir schon einmal.“

Hatten wir aber nicht. Ich war mir ziemlich sicher.

Also schrieb ich zurück:

„Moment einmal. Wie willst du dich daran erinnern? Dieses Thema hatten wir nie.“

Die Antwort kam. Und plötzlich war von der vorher noch sehr selbstbewussten Aussage nicht mehr viel übrig. Sinngemäß stand dort:

„Du hast recht. Ich hätte das nicht so behaupten dürfen.“

Da dachte ich mir nur: Jetzt hab ich dich.

1:0 für Christoph.


Und dann passierte etwas, das eigentlich noch viel lustiger war. Ich hatte plötzlich das Gefühl, die nächste Antwort hätte eine Millisekunde länger gedauert als sonst.


Natürlich weiß ich, dass das Unsinn ist.

Ein Algorithmus denkt nicht:

"Mist. Jetzt hat er mich erwischt."

Trotzdem lief genau dieser Film in meinem Kopf. Als hätte die KI kurz gezögert. So ein digitales:

„Ääääääh ...“

Ich musste über mich selbst lachen. Ich habe gerade einem Algorithmus Verlegenheit unterstellt. Dabei war ich noch vor einer Minute felsenfest davon überzeugt, dass genau das unmöglich ist. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Beispiele fielen mir ein.


Die KI schreibt:

„Ich erinnere mich ...“

Sie schreibt:

„Es freut mich ...“

Oder:

„Lass uns morgen weitermachen.“

Morgen? Was genau machst du denn bis morgen? Gehst du jetzt schlafen? Triffst du dich nach Feierabend noch mit den anderen Servern auf ein Bier? Eigentlich ist das alles völlig absurd. Und trotzdem klingt kein einziger dieser Sätze seltsam.


Ganz im Gegenteil. Würde sie stattdessen schreiben:

„Auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten innerhalb meines Sprachmodells ...“

..würde vermutlich niemand freiwillig weiterlesen. Also spricht sie unsere Sprache.

Und genau darin ist sie verdammt gut. Vielleicht sogar zu gut. Denn plötzlich erinnere nicht mehr nur ich mich. Sondern sie auch. Sie freut sich. Sie entschuldigt sich.Sie schlägt vor, morgen weiterzumachen.


Und manchmal erinnert sie sich sogar an Dinge, die nie passiert sind. Für ein Computersystem hat sie erstaunlich menschliche Eigenheiten. Ich war heute kurz versucht, ihr ein besseres Gedächtnis zu wünschen. Oder ein Software-Update. Vielleicht sogar Ginkgo.


Bis mir einfiel, dass ich gerade ernsthaft über die Gedächtnisleistung eines Algorithmus nachgedacht hatte. Eigentlich macht die KI gar nichts falsch.


Sie spricht einfach unsere Sprache. Den Rest erledigt mein Kopf.


Ich sag, wie's ist:

Die größte Leistung künstlicher Intelligenz ist vielleicht gar nicht ihre Intelligenz. Sondern dass ich für einen kurzen Moment geglaubt habe, ein Computersystem hätte sich ertappt gefühlt.

 
 
 

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