Alles lässt sich erklären irgendwie.
- Christoph

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Es ist 20:30 Uhr.
Das heutige Großereignis am Firmament ist in Wien gerade vorbei. Ich sitze vor meinem Computer und überlege, worüber ich heute schreiben soll. Eigentlich hatte ich noch keine Idee. Weil wieder so ein Aua, aua Tag.
Bis mir eben eingefallen ist, dass ich heute durch eine Einkaufsstraße gegangen bin und irgendwann bemerkt habe, dass ich an einer ziemlich langen Menschenschlange entlangging.
Sichtlich gab es hier irgendwo etwas umsonst. Zumindest war das meine erste Theorie. Menschen stellen sich erstaunlich geduldig an, wenn es etwas gratis gibt. Vielleicht gab es aber auch etwas, das man unbedingt besitzen muss, obwohl man fünf Minuten vorher noch gar nicht wusste, dass man es braucht.
Auch das wäre eine ziemlich realistische Erklärung. Ich ging also weiter, bis ich am Anfang der Schlange angekommen war. Und dann sah ich in der Auslage den Grund.
Da klebte ein Zettel:
„Sonnenfinsternis-Brillen hier erhältlich.“
Aha.
Da war sie also. Die Sonnenfinsternis, die offenbar alle anderen schon auf dem Radar hatten und an mir ziemlich elegant vorbeigegangen war. Oder besser gesagt: an der ich vorbeigegangen war.
Und plötzlich dachte ich: So kompliziert ist eine Sonnenfinsternis doch eigentlich gar nicht. Der Mond schiebt sich zwischen Sonne und Erde und wirft seinen Schatten auf die Erde.
Voilà. Sonnenfinsternis. Soweit ich mich jedenfalls an meinen Physikunterricht erinnere.
Physik war nämlich nicht unbedingt das Fach, bei dem ich morgens aufgestanden bin und dachte:
„Endlich. Heute wieder Physik.“
Es gab Stunden, in denen ich körperlich anwesend war. Das ist nicht dasselbe wie geistig anwesend. Und dann gab es noch die Stunden, in denen der Professor offenbar der Meinung war, dass meine Anwesenheit im Klassenzimmer dem Unterricht nicht unbedingt guttun würde.
Aber eine Sache ist hängen geblieben: Die Mondfinsternis.
Eine der wenigen Minuten, in denen ich in Physik tatsächlich wach war. Oder zumindest nicht wegen Unterrichtsstörung vor der Tür stand. 😉
Bei einer Mondfinsternis ist es nämlich genau umgekehrt. Da steht die Erde zwischen Sonne und Mond und wirft ihren Schatten auf den Mond. Und da wird es für manche Theorien schon ein bisschen dünn. Denn plötzlich muss eine Erde, die nach manchen Vorstellungen gar keine Kugel sein soll, einen ziemlich hübschen runden Schatten auf den Mond werfen.
Das ist schon ein ziemlich ambitionierter Schattenwurf für eine Scheibe. Aber bleiben wir bei der Sonnenfinsternis. Ich weiß jetzt schon, was als Erstes kommen wird in den Mails morgen zum Blog:
„Der Mond ist doch viel kleiner als die Sonne. Wie soll der die Sonne verdecken?“
Gute Frage. Und tatsächlich ist der Mond ungefähr 400-mal kleiner als die Sonne. Nur ist die Sonne auch ungefähr 400-mal weiter von der Erde entfernt als der Mond. Dadurch erscheinen Sonne und Mond von der Erde aus gesehen ungefähr gleich groß.
Und plötzlich funktioniert die Sache.
Keine Magie.
Keine geheime Zusatzsonne.
Keine riesige Leinwand hinter dem Mond.
Einfach Größe und Entfernung.
Physik.
Und jetzt sitze ich da und denke: Was mache ich eigentlich mit jemandem, der mir schreibt, der Mond sei ein Raumschiff? Ich könnte natürlich anfangen, darüber zu diskutieren. Aber vielleicht wäre es auch einmal schön, die Theorie einfach weiterzudenken.
Natürlich ist der Mond ein Raumschiff. Und die Sonnenfinsternis ist vermutlich die automatische Verdunkelungsfunktion. Mondmodus. Stromsparend.
Für die Passagiere an Bord wahrscheinlich ganz angenehm. Und die Mondfinsternis? Vielleicht ist das einfach die Erde, die kurz vor dem Raumschiff vorbeifliegt. Parkplatzsuche im Weltall.
Man muss schließlich alle Möglichkeiten offenhalten. 😉
Wobei ich jetzt schon darauf warte, dass mir jemand erklärt, dass der schwarze Himmel gar nicht schwarz ist. Sondern nur deshalb so aussieht, weil jemand das Licht ausgeschaltet hat.
Und die Sterne? Kleine Löcher im Vorhang.
Ich gebe zu:
Die Theorie gefällt mir fast. Sie hätte zumindest den Vorteil, dass endlich jemand erklären könnte, wer abends eigentlich den Vorhang aufzieht. Aber genau hier wird es für mich interessant.
Denn natürlich kann man grundsätzlich alles bezweifeln. Man kann behaupten, der Mond sei ein Raumschiff. Man kann behaupten, die Erde sei flach. Man kann behaupten, die Sonnenfinsternis sei nur eine besonders aufwendige Lichtshow.
Und ich kann morgen behaupten, dass die lange Menschenschlange in der Einkaufsstraße gar keine Menschenschlange war, sondern eine ziemlich schlecht organisierte Kunstinstallation. Für jede dieser Behauptungen finde ich wahrscheinlich irgendwo jemanden, der sie ebenfalls für richtig hält.
Das Internet ist diesbezüglich ausgesprochen großzügig. Aber nur weil ich eine andere Erklärung finden kann, wird sie nicht automatisch genauso wahrscheinlich wie die Erklärung, für die es Beobachtungen, Messungen und nachvollziehbare Zusammenhänge gibt.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der mich an solchen Diskussionen eigentlich interessiert. Nicht, dass Menschen Dinge bezweifeln.
Zweifel ist etwas Gutes.
Ich finde sogar, dass wir viel öfter zweifeln sollten. Auch an Dingen, die wir selbst für selbstverständlich halten. Aber zwischen
„Ich verstehe das noch nicht.“
und
„Deshalb kann es nicht stimmen.“
liegt ein ziemlich großer Unterschied. Der erste Satz öffnet eine Tür. Der zweite schließt sie.
Ich muss nicht jede physikalische Formel auswendig kennen, um zu akzeptieren, dass eine Sonnenfinsternis funktioniert. Ich muss auch nicht verstehen, wie mein Smartphone technisch jede einzelne seiner Aufgaben erledigt, um es zu benutzen.
Sonst würde ich vermutlich gerade mit zwei Steinen aufeinanderklopfen und hoffen, dass irgendwann WLAN entsteht.
Manchmal reicht es, zu wissen: Ich verstehe nicht alles. Aber ich kann mir anschauen, welche Erklärung die besseren Belege hat. Und dann darf ich trotzdem noch Fragen stellen. Das ist für mich übrigens etwas völlig anderes als blind alles zu glauben.
Vielleicht sogar das Gegenteil. Denn wer wirklich zweifelt, muss auch bereit sein, die eigene Vermutung zu überprüfen. Und genau da wird es schwierig. Denn die eigene Theorie ist natürlich immer besonders attraktiv. Vor allem dann, wenn sie alles erklärt. Und wenn sie das nicht tut, kann man ja noch schnell eine weitere Theorie dazunehmen. Und noch eine.
Und irgendwann erklärt die Erklärung mehr als das ursprüngliche Phänomen. Das ist dann der Moment, an dem ich wieder an die Menschenschlange in der Einkaufsstraße denke.
Ich wollte eigentlich nur wissen, warum dort so viele Menschen stehen. Und plötzlich bin ich bei der Frage gelandet, wie wir eigentlich entscheiden, was wir für wahr halten. So gesehen war die Sonnenfinsternis heute gar nicht das Interessanteste.
Die war ja immerhin ziemlich einfach zu erklären.
Ich sag, wie’s ist:
Sollte mir morgen jemand schreiben, dass der Mond ein Raumschiff ist, werde ich wahrscheinlich nicht diskutieren. Ich werde ihm einfach antworten:
„Guten Morgen, Truman!“ 😉
Und dann vielleicht sicherheitshalber noch einmal aus dem Fenster schauen.
Man weiß ja nie.



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