Microsoft, wir zwei brauchen Abstand. Formatbedingt.
- Christoph

- vor 3 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt,
dass mich Microsoft manchmal ganz offiziell am Absatz kann?
Nicht immer.
Nur heute.
Und gestern.
Und vermutlich morgen wieder.
Ich schreibe gerade an einer internationalen Zertifizierung.
Nicht für ein Produkt.
Nicht für ein Unternehmen.
Nicht für einen Prozess.
Nein — für mich selbst.
Ich werde zertifiziert. Geprüft. Begutachtet.
Formal beglaubigt als „Christoph kann das“.
Von Wien bis New York. Von Stockholm bis Timbuktu.
Ein globales „Ja, passt.“
Der Inhalt?
Kein Problem.
Formulieren?
Bitte.
Gedanken strukturieren?
Mit links.
Zur Not auch mit zwei Promille und verbundenen Augen.
Aber dann kommt er.
Der Endgegner der modernen Wissensgesellschaft:
Microsoft Word.
Diese Arbeit hat natürlich Formalvorschriften.
Nicht ein paar.
Nicht einige.
Alle.
Seitenränder in Millimeter, die nur mit Satellitenmessung überprüfbar sind.
Schriftgrößen, die sich offenbar nach Mondphasen richten.
Absätze, die nur dann korrekt sind, wenn man sie dreimal ansieht und einmal opfert.
Ich brauche Hochformat.
Ich brauche Querformat.
Ich brauche Tabellen.
Ich brauche Tabellen in Tabellen.
Ich brauche Tabellen, die sich benehmen.
Was ich bekomme:
optische Improvisationskunst.
Ich definiere Spaltenbreiten millimetergenau.
Word sagt:
„Spannende Idee. Ich mach’s anders.“
Zeilenabstände entwickeln Persönlichkeit.
Jede Zelle lebt ihr eigenes Leben.
Manche Zeilen wirken wie eng bebaute Innenstadt, andere wie steirisches Hügelland.
Ich ändere eine Schriftart.
Das Dokument reagiert, als hätte ich eine politische Grundsatzrede gehalten.
Überschrift springt. Nummerierung verschwindet. Formatvorlage kündigt innerlich.
Querformat-Seite eingefügt.
Dachte ich.
Tatsächlich habe ich ein dimensionsübergreifendes Raum-Zeit-Portal geöffnet,
in dem Seite 12 bis 18 beschlossen haben, künstlerisch frei zu sein.
Zwischenstand nach drei Stunden:
Ich rede mit dem Bildschirm.
Nicht über ihn.
Mit ihm.
Sätze wie:
„Das war nicht deine Aufgabe.“
„Niemand hat dich formatiert.“
„WER hat dir erlaubt, das einzurücken?!“
Ich speichere inzwischen im Drei-Minuten-Takt.
Lokal.
Cloud.
Backup.
Sicherheitskopie.
Notfallkopie.
Emotionale Kopie.
Wenn mein Computer heute abstürzt, findet man mich morgen in Embryonalhaltung
zwischen Absatzmarken und Seitenumbrüchen.
Und trotzdem — und das ist das eigentlich Gemeine — lernt man dabei etwas.
Geduld.
Demut.
Und neue Formen der Selbstbeherrschung.
Früher war Zen ein Kloster.
Heute ist es ein korrekt nummeriertes Inhaltsverzeichnis.
Falls mir in den nächsten Tagen jemand vorgestellt wird
mit den Worten:
„Das ist übrigens Gerhard, er arbeitet bei Microsoft“
— dann werde ich lächeln.
Ganz ruhig.
Ganz freundlich.
Und ihn fragen,
ob er kurz Zeit hat.
Für ein kleines Gespräch.
Über Tabellen.
Ganz kleines Gespräch.
Sehr klein.
Querformat.
Ich sag wie’s ist:
Inhalt bildet.
Formatierung prüft den Charakter.



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