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Kleine Flucht ohne Koffer


Es gibt Tage, da braucht man keine Reise.

Keinen Koffer.

Kein Ticket.

Nicht einmal einen Plan.

Es reichen ein paar Schritte vor die Tür.


Ich nenne das kleine Fluchten.

Ohne Check-in.

Ohne „Sind wir schon da?“

Ohne Souvenirshop.


Heute war so ein Tag.


Ich hatte Kopfhörer im Ohr. Keine AirPods, keine Hightech-Dinger – diese ganz normalen, die man ins Handy steckt. Die, die man ständig verliert, verknotet, verflucht und dann doch immer wieder benutzt, weil sie genau das tun, was sie sollen: Musik spielen und die Welt ein kleines Stück leiser drehen.


Coldplay.

Live-Konzert.

Nicht dort.

Aber im Kopf erstaunlich nah.


Und während ich gehe, merke ich, wie sich der Tag verändert.

Nicht spektakulär.

Nicht filmreif.

Eher schleichend. Wie wenn man merkt, dass der Wind plötzlich wärmer ist, ohne zu wissen, wann genau das passiert ist.


Ich höre Schritte.

Gespräche.

Fetzen von Leben.


Ein Paar bleibt stehen und schaut mich an.

„Entschuldigung, könnten Sie vielleicht ein Foto von uns machen?“

Natürlich kann ich.


Ich nehme das Handy, werfe einen kurzen Blick auf den Bildschirm – und offenbar war das mein Fehler. Oder mein Glück.

„Oh, Sie kennen sich aus“, sagt er.

„iPhone-Foto-Spezialist“, sage ich. Als Spaß. Wirklich.


Sie lachen.

Ich erkläre zwei Sätze.

Kein Vortrag.

Kein Workshop.

Nur so viel, dass das Foto nicht aussieht wie ein Fahndungsbild.


Das Bild wird gemacht.

Sie sind zufrieden.

Ich gebe das Handy zurück.


Ein kurzer Moment.

Ein Dankeschön.

Ein Lächeln, das echt ist und nichts will.


Weitergehen.


Ich höre wieder Musik.

Und plötzlich ist dieser Song da.

Yellow.

„Look at the stars…“

Ich schaue nicht einmal bewusst hinauf.

Muss ich nicht.

Der Moment reicht.


Vielleicht sind diese kleinen Fluchten genau das:

Nicht weg von allem.

Sondern kurz näher zu sich selbst.


Kein großes Glück.

Kein Lebensplan.

Nur ein paar Minuten, in denen nichts fehlt.


Und vielleicht ist das am Abend genug.


Ich sag, wie’s ist:

Manchmal braucht es keine große Reise.

Nur einen Song, ein paar Schritte

und die Erkenntnis,

dass sie heute alle gelb waren.

 
 
 

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