kleine Lehrmeisterin im Apfelstrudel Universum
- Christoph

- 22. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Manchmal trifft man sich aus beruflichen Gründen – und geht mit etwas ganz anderem nach Hause.
So auch heute.
Ich habe mich mit einer langjährigen Bekannten getroffen. Eigentlich ging es um eine mögliche Zusammenarbeit, um Ideen, Projekte, Zukunft. Wir hatten uns lange nicht gesehen, also trafen wir uns in einem Kaffeehaus. Nicht irgendeinem. Eines mit dem Namen eines berühmten österreichischen Komponisten, gleich hinter der Wiener Staatsoper. So ein Ort, an dem die Zeit ein bisschen langsamer läuft und Gespräche automatisch einen eleganteren Ton bekommen.
Sie hatte ihre Tochter dabei. Sieben Jahre alt. Ein Alter, in dem man schon sehr viel weiß – und noch viel mehr fühlt.
Wir reden uns warm, tauschen Erinnerungen aus, lachen über alte Geschichten. Sie bestellt einen kleinen Braunen, ich – ganz angepasst – ausnahmsweise eine Melange. Die Tochter entscheidet sich für eine heiße Schokolade. Erwachsene Gespräche, Kindergetränke, alles in Balance.
Nach etwa zwanzig Minuten läutet das Telefon meiner Bekannten.
„Ist dringend“, sagt sie.
„Ist es okay, wenn ich kurz rausgehe und Lara so lange bei dir bleibt?“
„Kein Problem“, sage ich – und denke mir im selben Moment:
Jetzt bloß nichts falsch machen.
Ich greife tief in meine unbändige Kreativität und stelle die wohl banalste Frage der Welt:
„Und… wie war’s in der Schule?“
Die Antwort kommt trocken, präzise, vernichtend:
„Geht so.“
Gut. Themenwechsel.
Ich sage: „Ich glaube, ich brauche einen Kuchen. Du auch?“ Sie zögert kurz. „Mama sagt, ich hab heute schon zu viele Kekse gegessen.“
Ich denke nach – kurz, aber ernsthaft – und sage dann:
„Kekse sind kein Kuchen.“
Sie schaut mich an. Grinst.
„Stimmt“, sagt sie. „Dann nehme ich einen Apfelstrudel.“
Also bestelle ich zwei Apfelstrudel.
Sie kommen schneller, als man moralische Grundsätze überdenken kann. Und was dann passiert, fühlt sich ein bisschen an wie ein Wettessen. Bei ihr vermutlich aus Angst, die Mutter könnte jeden Moment zurückkommen. Bei mir… schlicht aus Gusto.
Und natürlich kommt die Mutter genau in diesem Moment zurück.
Sie sieht uns.
Zwei Teller. Zwei Gabeln. Zwei halb verschwundene Apfelstrudel.
„Lara“, sagt sie, „hab ich dir nicht gesagt, du hattest heute schon genug Kekse?“
Und dann passiert etwas Großartiges.
Lara schaut ihre Mutter an, grinst – und sagt, im völlig reinen O-Ton:
„Kekse sind kein Kuchen. Und auch kein Strudel. Hat Christoph gesagt. Und da musst du ihm recht geben.“
Ich erwarte innerlich Donner, Blitz, pädagogische Maßnahmen.
Stattdessen lacht die Mutter herzhaft.
Bestellt sich eine Sachertorte mit Schlagobers.
Sticht genüsslich hinein, schaut mich an und sagt:
„Du hast dich über die Jahre keinen Deut verändert. Wie kann man dir böse sein?“
Als wir uns später verabschieden, bleibe ich noch sitzen.
Lara ist schon fast bei der Tür, dreht sich plötzlich um, läuft noch einmal zu mir zurück.
Ich denke, sie hat etwas vergessen.
Sie grinst mich an.
Und sagt einfach nur:
„Danke.“
Ich sag, wie’s ist.
Manchmal erklären dir Kinder mit einem Apfelstrudel mehr über das Leben, als Erwachsene mit ganzen Torten.



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