Die zweite Kugel Eis
- Christoph

- 1. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Heute mache ich etwas, das ich sonst eher selten mache. Ich schreibe aus einer Emotion heraus. Vielleicht greife ich dabei zu kurz. Vielleicht fehlen mir wirtschaftliche ZusammenhĂ€nge. Aber ich gege es zumindest zu. (kleiner Seitenhieb muss ein đ)
Vielleicht schreibt mir morgen jemand, warum mein Gedankengang volkswirtschaftlich völliger Unsinn ist. Damit kann ich leben. Denn genau so hat sich mein Kopf heute verhalten.
Mein Auto meinte heute beim Einsteigen, es wĂ€re durstig. Autos haben ĂŒberhaupt einen eigenartigen Humor. Sie melden sich nie, wenn der Tank halb voll ist. Immer erst dann, wenn die Tanknadel aussieht, als wĂŒrde sie demnĂ€chst den Keller besichtigen.
Also Tankstelle. Ăber zwei Euro. Schon wieder. FrĂŒher habe ich beim Tanken auf die Liter geschaut. Heute schaue ich auf den Endbetrag. Das Ălterwerden verĂ€ndert offenbar PrioritĂ€ten. WĂ€hrend der Tank langsam voller wurde, versuchte ich im Kopf auszurechnen, wie oft ich in meinem Leben eigentlich schon getankt habe.
Ich gab nach wenigen Sekunden auf. Es gibt Rechnungen, die will man gar nicht fertig rechnen. Ich bezahlte. Stieg ins Auto. Das Radio sprang an.
Erste Nachricht: Der teilweise verstaatlichte Mineralölkonzern OMV meldet ein Quartalsergebnis, das um 65 Prozent ĂŒber dem Vorjahr liegt. FĂŒnfundsechzig Prozent.
Kurz darauf hörte ich noch eine andere Zahl.
Der Vorstandsvorsitzende verdient das 96-Fache eines durchschnittlichen österreichischen Jahreseinkommens.
Interessant. Ab einer gewissen GröĂenordnung hören Zahlen auf, Zahlen zu sein.
Sie werden abstrakt. Millionen. Milliarden. Sechsundneunzig DurchschnittsgehĂ€lter. Und warum der mt eine des Quartals das Unternehmen verlĂ€sst. Keine Meldungen darĂŒber. Meine Vermutung er nachgedacht, dass er irgendwann anfangen muss das Geld auch auszugeben đ
Mein Gehirn steigt irgendwo dazwischen aus. Nicht, weil ich jemandem sein Gehalt neidig wÀre. Ganz im Gegenteil. Sondern weil ich irgendwann den Bezug verliere besonders bei einem teilverstaatlichtem Betrieb.
Dann erinnerte ich mich an eine andere Nachricht. Die Spritpreisbremse. Nur mehr durchschnittlich 0,9 Cent pro Liter und der verpflichtende Eingriff in die Gewinnmargen bleibt weiter ausgesetzt. Fast gleichzeitig steigt der Gewinn eines Unternehmens, an dem derselbe Staat beteiligt ist, deutlich an.
Vielleicht gibt es dafĂŒr hervorragende wirtschaftliche ErklĂ€rungen. Die will ich gar nicht ausschlieĂen. Aber mein Kopf ist manchmal erstaunlich schlecht darin, GefĂŒhle nach volkswirtschaftlichen LehrbĂŒchern zu sortieren.
Und genau dort begann heute mein Kopf, einen kleinen Film zu drehen.
Nicht ĂŒber den Vorstand.
Nicht ĂŒber AktionĂ€re.
Nicht ĂŒber Milliarden.
Sondern ĂŒber Menschen.
Komisch eigentlich. Mein Kopf denkt bei groĂen Zahlen fast nie an groĂe Zahlen. Er denkt an Gesichter. An Familien.
Vielleicht ist das ein Fehler. Vielleicht aber auch nicht. Ich stellte mir plötzlich einen Vater vor. Oder eine Mutter. FÀhrt jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit.
Tankt.
Bezahlt.
Ein paar Wochen spÀter beginnt endlich der Sommerurlaub.
Kein Luxushotel.
Keine Fernreise.
Einfach ein paar Tage weg.
Raus.
Durchatmen.
Die Kinder laufen schon voraus. NatĂŒrlich zum EisgeschĂ€ft vorzugsweise an der oberen Adria. Kinder finden Eissalons ĂŒbrigens mit einer erstaunlichen PrĂ€zision. Vermutlich besser als jedes Navigationssystem.
âPapa ... darf ich noch eine zweite Kugel?â
Und plötzlich entscheidet nicht mehr der Appetit. Sondern alles, was in den Wochen davor passiert ist. Der Tank. Die Stromrechnung. Der Einkauf. Die Miete.
Und irgendwo dazwischen verschwindet sie. Die zweite Kugel Eis.
Und nein. Ich schreibe das heute nicht wegen mir. Mir geht es gut.
Ich denke gerade an die Familien, denen es nicht so gut geht.
An Menschen, die arbeiten.
Jeden Tag aufstehen.
Steuern zahlen.
Ihre Kinder groĂziehen.
Und trotzdem jeden Euro zweimal umdrehen mĂŒssen.
Es gibt diese Familien. Nicht irgendwo. Sondern mitten unter uns. Vielleicht sogar in deiner StraĂe. Oder in meiner. Politik wird fast immer in Milliarden diskutiert. Das Leben fast immer in Kleinigkeiten.
Eine zweite Kugel Eis.
Ein Kinobesuch.
Neue Turnschuhe.
Oder die Frage, ob man den Einkaufskorb heute wirklich ganz voll macht. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Statistik und Alltag.
Statistiken kennen Durchschnittswerte. Kinder kennen nur Erdbeere oder Schokolade.
Ich weiĂ. Man kann nicht jede Preissteigerung verhindern.
Man kann nicht jeden Krieg beeinflussen.
Und nicht jeder Quartalsgewinn ist automatisch falsch.
Darum geht es mir heute gar nicht.
Ich frage mich nur, ob wir manchmal vergessen, wo wirtschaftliche Entscheidungen irgendwann ankommen.
Nicht in einer Bilanz.
Nicht in einer Pressekonferenz.
Nicht auf einer Hauptversammlung.
Sondern irgendwann an einem kleinen Eissalon im Urlaub.
Dort, wo ein Kind fragt:
âPapa ... darf ich noch eine zweite Kugel?â
Und dort, wo ein Vater oder eine Mutter ganz kurz zögert. Nicht lange. Nur diesen einen Moment. Den Moment, den Kinder meistens gar nicht bemerken. Die Eltern aber sehr wohl.
Ich sag, wie's ist:
Zwischen einer ZapfsÀule und einem Eissalon liegen manchmal nur ein paar Kilometer. Manchmal entscheidet sich genau auf dieser Strecke, was sich eine Familie noch leisten kann.



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