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Langsam beeilen? Willkommen in der deutschen Sprache


Ich stand in einem neuen Laden.

So einem, bei dem man schon beim Reingehen weiß:

Hier wird es gefährlich.


Italienische Panini.

Nicht zwei, nicht fünf –

eine Wand.

Gefüllt mit Brot, das aussieht, als hätte es eine Lebensgeschichte,

und Zutaten, die klingen, als müsste man sie studiert haben,

bevor man sie bestellen darf.


Erstbesuch.

Große Auswahl.

Ganz normal, dass man kurz braucht.


Ich bin dran.

Ich lese.

Ich denke.

Ich vergleiche innerlich Käse mit Käse

und Schinken mit moralischen Grundsätzen.


Und dann höre ich es hinter mir.

Eine Männerstimme.

Ungehalten.

Ohne jede Form von Vorwarnung oder Charme.

„Können Sie sich mal langsam beeilen, Sie...?“

Ich drehe mich um.

Vor mir ein älterer Herr, viel zu jugendlicher Kleidung.

Dieser spezielle Blick, den Männer haben,

wenn sie glauben, sie müssten gerade eine Rangordnung klären.

Irgendwo zwischen Silberrücken, Bezirksvorsteher und falschem Verständnis für Rollenverteilung in der Gesellschaft.


Ich hätte jetzt vieles sagen können.

Das Übliche.

„Bin gleich so weit.“

„Entschuldigung.“

„Dauert nicht mehr lang.“


Aber mein Mund war schneller als mein diplomatisches Ich.

Ich schaue ihn an und sage nur:

„Langsam – beeilen?“

Kurze Pause.

„Was wollen Sie eigentlich genau von mir?“

„Beides geht nicht.“

„Also habe ich mich für langsam entschieden.“

Manche Menschen reagieren auf Sprachlogik allergisch.

Er auch.

Er wird persönlich.

Wie alle, die nie gelernt haben, dass Lautstärke kein Argument ersetzt.

„Du bist echt voll leer im Schädel.“

Ein Geschenk.

Sprachlich gesehen.

Ich konnte nicht anders.


„Voll – leer?“

„Was jetzt?“

„Werden Sie bitte präzise.“

In diesem Moment zeigte ich bereits auf ein Panini.

Es wurde eingepackt.

Das Brot hatte gewonnen.


Ich zahlte.

Schnell.

Effizient.

Sehr unlangsam.


Beim Weggehen, schon halb Richtung Ausgang,

kam er noch, dieser kleine Zusatz, den man nicht plant,

der aber einfach bei mir raus will:

„Ihr Tonfall ist ganz schön hässlich“

Ich ließ ihn stehen.

Mit seiner Rolle, seinem Widerspruch und der Überzeugung, dass er das mit dem

schön - hässlich auch nicht verstanden hat.


Im Auto saß ich dann da.

Mit Panini.

Mit Ruhe.

Und mit einem Gedanken, der mich mehr beschäftigte als der Mann selbst.


Nicht die Unhöflichkeit.

Nicht das "Ich kann alles, ich weiß alles" - Gehabe.

Sondern die Sprache.


Wie selbstverständlich wir Dinge sagen,

die sich logisch ausschließen

und trotzdem vollkommen akzeptiert sind.


Langsam beeilen.

Voll leer.

Ganz schön hässlich.

Nicht schlecht.


Die deutsche Sprache ist ein einziges Paradoxon

mit Grammatik.


Und vielleicht ist genau das ihr größtes Talent:

Dass sie Unsinn so sauber formuliert,

dass er plötzlich Sinn ergibt.


Ich sag, wie’s ist:

Manchmal sind nicht die Menschen das Problem.

Sondern die Sätze, die sie benutzen, um es zu sein.

 
 
 

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