Real Magic
- Christoph

- 30. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Wer die beiden Blogeinträge „Under Attack“ und „Die Dame in Blau“ gelesen hat, weiß vermutlich, dass mein blitzblaues Fortbewegungsmittel in letzter Zeit unfreiwillig zum Hauptdarsteller geworden ist.
Leider war das noch immer nicht das letzte Kapitel.
Ich war in den letzten Wochen selten im Lande. Mein Postkasten hingegen schon. Der hat inzwischen einiges für mich gesammelt. Unter anderem mehrere gelbe Benachrichtigungszettel.
Gelbe Zettel haben etwas Beeindruckendes. Sie schaffen es schon im Postkasten, amtlich zu wirken. Irgendwie strahlen sie eine Mischung aus „Bitte holen Sie mich ab“ und „Das wird Ihnen jetzt vermutlich nicht gefallen“ aus.
Einer dieser Zettel führte mich diesmal wieder zu einem Termin. Diesmal allerdings nicht zu Menschen in Uniform. Sondern zu Menschen, die meistens hinter Türen sitzen, auf denen „Magister“ steht und darunter ein Amtstitel, bei dem ich kurz überlegte, ob ich zum Lesen einen zweiten Atemzug brauche.
Nach ein paar Nachfragen und erstaunlich vielen Gängen, die alle irgendwie gleich aussahen, stand ich schließlich vor der richtigen Tür.
Noch bevor ich anklopfte, blieb mein Blick an einem kleinen Aufkleber hängen.
Ein Esel. Daneben stand:
„Times are hard for dreamers.“
Komisch eigentlich. Diese kleinen Sprüche auf Behördenbürotüren erinnern mich ein wenig an Zahnarztpraxen. Dort hängen auch oft Bilder oder vermeintlich aufmunternde Sprüche. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass man für einen kurzen Moment vergisst, warum man eigentlich dort sitzt.
So nach dem Motto: „Das wird gar nicht wehtun.“
Ich musste schmunzeln. Nicht, weil ich den Satz besonders originell fand. Sondern weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass hinter dieser Tür kein ganz gewöhnliches Büro auf mich wartete.
Ich klopfte an. Stellte mich vor.
„Bitte nehmen Sie kurz Platz. Ich brauche noch eine Minute.“
Eine Minute ist übrigens erstaunlich lang, wenn man nichts anderes zu tun hat als zu warten.
Man beginnt Dinge zu lesen, die man normalerweise nie lesen würde.
Brandschutzbestimmungen.
Fluchtpläne.
Hinweisschilder.
Irgendwann liest man wahrscheinlich sogar die Seriennummer eines Feuerlöschers.
Mein Blick entschied sich allerdings für etwas anderes.
Akten.
Ordner.
Computer.
Noch mehr Akten.
Und dann ...
Coca-Cola Zero. Quer über das gesamte Amtszimmer verstreut. Vielleicht ist mir das auch deshalb sofort aufgefallen, weil Coca-Cola Zero seit Jahren zu meinen treuesten Getränkebegleitern gehört. Nur mein Leergut erzählt deutlich kürzere Geschichten.
Ich habe sie nicht gezählt. Aber es waren sicher zehn leere Coca-Cola-Zero-Dosen.
Vielleicht waren die alle erst vom Vortag. Vielleicht erzählten sie aber auch die Coca-Cola-Geschichte der letzten zehn Jahre. Auf unterschiedliche Dosendesigns habe ich in diesem Moment allerdings nicht geachtet.
Ich musste unwillkürlich grinsen. Nicht wegen der Dosen. Sondern weil ich kurz überlegte, ob Coca-Cola Zero inzwischen offiziell zur Büroausstattung gehört. Falls nicht, hätte dieses Zimmer gute Chancen auf eine Kooperation.
Ich murmelte eher zu mir selbst:
„Das kann nur ein guter Termin werden.“
„Wie bitte?“, fragte der Magister. „Ich habe Sie nicht verstanden.“
„Ich bewundere Ihre Sammlung und das großartige Arrangement.“
Er schaute sich kurz im Zimmer um.
„Welche Sammlung?“
„Na die Coca-Cola-Zero-Dosen.“
Jetzt musste er lachen. Ich sagte nur:
„Real Magic.“
Keine Sekunde später kam die Antwort. Mit einem breiten Grinsen.
„Always the Real Thing.“
Ich liebe solche Momente. Zwei völlig fremde Menschen. Ein Werbeslogan.
Und plötzlich ist das Eis gebrochen. Ganz ohne Smalltalk. Marketing kann manchmal Dinge, die Menschen alleine nur schwer hinbekommen. Irgendwie verrückt. Da sitzt man wegen einer ernsten Angelegenheit in einem Amtszimmer... und spricht zuerst über Coca-Cola.
Fast hätte ich darüber den eigentlichen Grund meines Besuchs vergessen. Es ging um Akteneinsicht. Um Zuständigkeiten. Und darum, wie es mit der Geschichte meines blitzblauen Fortbewegungsmittels weitergeht.
Viel darf ich dazu noch nicht erzählen. Aber eines schon. Es wird ernsthaft ermittelt. Der Sachverhalt ist eindeutig. Und es wird zu einer Gerichtsverhandlung kommen. Mit dieser Nachricht verließ ich das Gebäude deutlich erleichterter, als ich es betreten hatte.
Auf dem Weg nach draußen musste ich noch einmal an den Esel auf der Tür denken.
„Times are hard for dreamers.“
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn wenn ich ehrlich bin, werde ich mich an diesen Termin wahrscheinlich nicht wegen der Akteneinsicht erinnern. Auch nicht wegen der Staatsanwaltschaft. Sondern wegen eines Esels. Ein paar leerer Coca-Cola-Zero-Dosen. Und eines Werbeslogans, der Jahrzehnte später noch immer funktioniert.
Ich sag, wie's ist:
Manchmal erzählen Räume mehr über Menschen als die Menschen selbst. Man muss nur genau genug hinschauen.



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