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Zwischen Schilling, Schlittschuhen


Im Winter am Tennisplatz im Freien?

Und das fast jeden Tag?

Klar doch.


Ich spreche von meiner Kindheit.

Meine Oma saß an der Kassa eines Tennisplatzes, der jeden Winter – wenn es kalt genug war – kurzerhand zu einem Eislaufplatz wurde. Zehn Tennisplätze, fein säuberlich aufgespritzt mit Wasser, das über Nacht gefroren ist. Ja, richtig gelesen: über Nacht. Damals war es nämlich noch kalt genug. So richtig kalt.


Der Eintritt kostete, soweit ich mich erinnere, fünf Schilling. Wenn ich ihn zahlen musste. Was umgerechnet irgendwas um die vierzig Cent gewesen sein muss. Und nein – bevor jetzt jemand schmunzelnd den Kopf schieflegt – ich spreche nicht vom 19. Jahrhundert, ihr Schlauberger 😉


Warum mir das alles einfällt?

Weil ich eislaufen war.


Hier bei uns in Wien, beim sogenannten Wiener Eislaufverein. Eine Eiskunstbahn im Freien, eine Institution – wer sie kennt, weiß, dass man darüber nicht diskutiert. Direkt angeschlossen an das schon etwas in die Jahre gekommene Hotel Intercontinental, gleich neben dem Stadtpark. Eine dieser Gegenden, wo Wien kurz innehält und so tut, als hätte es Zeit.


Mit meinem kaputten Fuß war das Ganze… sagen wir: ambitioniert.

Ich wollte ja schon die letzten Jahre mal gehen. Hat sich halt nicht ergeben. Diesmal wurde ich genötigt – Verzeihung – eingeladen. Also nix wie hin.


Eintritt: zwölf Euro für Erwachsene. Fast schon symbolisch.

Und man soll es nicht glauben: Nach vielen, vielen Jahren nicht am Eis – zumindest nicht zum Eislaufen – ging es erstaunlich gut. Nicht sooo elegant, nicht sooo graziös, aber naja..


Ich hatte dieses seltsame Gefühl, das man nur aus der Kindheit kennt:

Der Körper erinnert sich an Dinge, die der Kopf längst vergessen hat.

Die ersten Meter waren vorsichtig, fast feierlich. Dann kam dieses leise Schrrr der Kufen auf dem Eis. Und plötzlich war sie da – diese alte Sicherheit. Ein bisschen rostig vielleicht, aber vorhanden.


Bis es passierte.

Ein kleiner Zusammenstoß. Nichts Dramatisches. Ein junger Mann, ebenso optimistisch wie ich, ebenso wenig bremsbereit. Wir kollidierten nicht frontal – eher so… lebensphilosophisch. Zwei Wege, ein Missverständnis.


Er entschuldigte sich sofort.

Ich auch.

Wir lachten.

Beide.


Und dann sagte er etwas, das hängen blieb:

„Eigentlich schön, oder? Dass man hier noch fallen darf.“


Ich nickte. Und fuhr weiter.

Später stand ich am Rand, hielt mich am Geländer fest und sah den anderen zu. Kindern, die keine Angst hatten. Erwachsenen, die so taten, als hätten sie keine. Pärchen, die sich gegenseitig festhielten – manchmal aus Zuneigung, manchmal aus Gleichgewichtsgründen.


Und irgendwo zwischen einer langsamen Runde und einem vorsichtigen Abgang vom Eis war sie plötzlich wieder da:

Meine Oma.

Der Tennisplatz.

Die fünf Schilling.

Der Winter, der noch Winter war.


Ich bin dann runter vom Eis. Der Fuß hat gemeint, es reicht.

Ich hab ihm recht gegeben.

Und beim Rausgehen dachte ich mir:

Manchmal ist es gar nicht wichtig, wie gut man etwas kann.

Sondern dass man es noch einmal versucht.


Einfach so.

Ohne Ehrgeiz.

Ohne Beweisführung.


Ich sag, wie’s ist.

Manchmal reicht es, kurz zurück aufs Eis zu gehen –

nur um zu merken, dass man immer noch steht.

 
 
 

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