Sonntag.offen. Und plötzlich überall Papier.
- Christoph

- 21. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Sonntag. Innenstadt. Eigentlich nur ein kurzer Abstecher, ein bisschen frische Luft, ein bisschen Menschen schauen, nichts Großes vor. Und dann passiert es:
Ein großer Buchladen hat offen. So ein richtiger. Eine dieser Ketten, die so groß sind, dass man sich darin verlaufen könnte, wenn man emotional angeschlagen ist oder einfach nur Zeit hat. Ein bisschen wie in „E-Mail für dich“, nur ohne Meg Ryan, ohne Tom Hanks – und ohne die Illusion, dass man „nur kurz“ reinschaut.
Natürlich gehe ich rein.
Ich finde zwei Bücher. Wie immer nicht geplant. Eine Biografie und ein Buch eines Philosophen. Nein, nicht Richard David Precht. Aber das ist egal. Wichtig ist:
Beide sind als Weihnachtsgeschenke gedacht. Also stelle ich mich brav bei der Kassa an und warte. Und wie das so ist beim Warten – man denkt nach. Und mir fällt ein: Die haben doch sonst immer diesen Einpackservice. Hübsch. Professionell. Menschen, die wissen, was sie tun.
Ich bin dran, frage freundlich.
Die Buchhändlerin sagt:
„Ja, wir haben Einpackservice – aber heute nur Selfservice. Da hinten steht ein Tisch. Papier, Bänder, alles da. Sie können das gerne selbst machen.“
Ich schaue sie an. Ehrlich. Offen.
Und sage:
„Wenn ich das mache, haben Sie heute Abend kein Papier mehr. So viel werde ich verschneiden.“
Sie lacht. Dieses Lachen, das sagt: Ach, das sagen viele.
„Probieren Sie’s doch einfach.“
Und genau da beginnt das Drama.
Ich gehe zum Tisch. Und stehe vor einer Entscheidung, die mich völlig überfordert: Welches Papier? Welche Farbe? Welche Schleife? Matt oder glänzend? Festlich oder dezent? Ich entscheide mich – natürlich – für „mit Gefühl“. Was immer das heißt.
Dann geht’s los.
Schneiden.
Zu viel.
Nochmal schneiden.
Jetzt zu wenig.
Kleben.
Schief.
Nochmal kleben.
Jetzt klebt alles – nur nicht dort, wo es soll.
Es entwickelt sich eine Art Geschenkpapier-Schlachtfeld. Schnipsel überall. Klebestreifen, die mehr an mir haften als am Papier. Schleifen, die aussehen, als hätten sie einen sehr schlechten Tag.
Während ich kämpfe, höre ich hinter mir eine Stimme:
„Ich bin gleich wieder da – kannst du kurz übernehmen?“
Ich denke mir nichts dabei. Einzelhandel halt.
Und dann steht sie plötzlich neben mir.
Die Buchhändlerin. Sie schaut auf den Tisch. Auf das Papier. Auf das Band. Auf meine Hände.
Sie atmet ein. Und sagt dann lächelnd:
„Ich kann mir das Massaker nicht weiter ansehen.“
Ich muss lachen. „Ich hab’s Ihnen ja gesagt.“
Sie greift zum Papier.
„Darf ich?“
Ich trete einen Schritt zurück, als würde eine Chirurgin übernehmen.
Während sie einpackt – ruhig, elegant, mit einer Selbstverständlichkeit, die wehtut – sagt sie:
„Der Trick ist, nicht gegen das Papier zu arbeiten. Papier merkt sich alles. Wie Elefanten.“
Ich nicke ernst.
„Ich hab offenbar mit dem Papier diskutiert.“
Sie lacht.
„Das gewinnt immer das Papier.“
Sie zeigt mir, wie man die Kanten sauber legt, wie man das Band nicht stranguliert, sondern führt. „Nicht ziehen. Leiten. Wie bei Menschen.“
In dem Moment kommt eine andere Kundin vorbei, bleibt stehen, schaut.
„Entschuldigung… könnten Sie mir das auch einpacken?“
Die Buchhändlerin lächelt freundlich, ohne aufzuschauen, und sagt:
„Heute leider nicht. Ich bin gerade in einer Rettungsmission.“
Die Kundin nickt verständnisvoll. Man hilft, wo man kann.
Zwei Minuten später liegen die Bücher vor mir. Perfekt. Still. Fertig.
Sie reicht sie mir. „So. Gerettet.“
Ich sage Danke. Ehrlich.
Sie sagt: „Schönen Sonntag noch. Und… vielleicht einfach wieder fragen.“
Ich gehe raus. Mit zwei eingepackten Büchern.
Und dem Gefühl, dass nicht alles, was Selfservice heißt, auch wirklich allein gemacht werden muss.
Ich sag, wie’s ist.
Manchmal ist das Schönste an einem Geschenk nicht das Papier – sondern der Mensch, der einem das Chaos kurz abnimmt.



Kommentare