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Vom Sprunggelenk zur Trattoria in 12 Minuten


Und schon wieder dieser Satz😂

Wer mich kennt, der weiß:

In meinem Kopf bin ich manchmal ein bisschen Italiener.


Gut.

Nur weil mein Ur-Ur-Großvater sizilianischer Weinhändler war, macht mich das offiziell noch zu gar nichts.

Außer vielleicht zu jemandem, der bei bestimmten Themen sofort emotional wird: Essen, Gestik, Sprache – und natürlich Drama. Aber mit Stil.


Heute jedenfalls bin ich rausgegangen, völlig unschuldig, nichtsahnend, ohne große Erwartungen an den Tag.

Und dann treffe ich einen Bekannten. Italiener. Mit einem weiteren Bekannten von ihm. Ebenfalls Italiener.

Der zweite sitzt im Rollstuhl.


Nicht, weil er dauerhaft krank wäre.

Nicht, weil das Leben ihm gerade besonders übel mitspielt.

Sondern weil er sich – wie man das halt macht, wenn man Pech UND Talent dafür hat – das Sprunggelenk gebrochen hat.

Taxi warten. Ziel: Spital. Heute ist OP-Freigabe.


Und zack – Gespräch.


Wer mich kennt, der weiß:

Ich habe mir vor ein paar Jahren selbst Sprunggelenk und Fersenbein in Trümmer zerlegt.

Das ist kein Smalltalk.

Das ist ein Einstieg.


Plötzlich stehen da drei Männer: (naja 2 stehen einer im Rollstuhl)

Zwei Italiener.

Ein Österreicher.

Und eine gemeinsame Leidenschaft: medizinisches Halbwissen mit absoluter Überzeugung vorgetragen.


Ich referiere über Schrauben, Platten, Reha-Zeiten und diesen einen Moment, wenn man glaubt, man kann schon wieder auftreten – und der Fuß sagt: Nein.

Von Fürsorge, versuchten CBD-Tropfen, Knee-Scooter und einer wilden Zeit.

Der eine Italiener nickt.

Der andere verzieht das Gesicht.

Der im Rollstuhl hört sehr aufmerksam zu, so wie Menschen zuhören, die hoffen, dass jemand sagt: „Alles halb so wild.“


Spoiler: ist es nie.

Aber man überlebt.


Irgendwann sind wir durch mit allen Risiken, Nebenwirkungen, Horrorgeschichten und der unumgänglichen Wahrheit, dass man Geduld braucht – etwas, das weder Italiener noch ich besonders gut können.

Das Taxi kommt noch immer nicht.


Also Themawechsel.

Sprache.

Und das ist der Moment, in dem ich innerlich aufgeblüht bin.


Was im Lehrbuch steht.

Und was man wirklich sagt.


Deutsch, Italienisch, Englisch – alles gleichzeitig.

Sätze, die anfangen in einer Sprache und enden in einer anderen.

Gesten, die mehr erklären als jedes Wörterbuch.

Floskeln, die wörtlich übersetzt völlig absurd wären – aber jeder versteht sie.


Wir klären, warum man in Italien fünf Wörter braucht, um „gleich“ zu sagen, und warum „kein Problem“ je nach Tonfall genau das Gegenteil bedeuten kann.

Wir lachen über Akzente.

Über falsche Freunde.

Über dieses wunderbare Chaos, das entsteht, wenn Sprache lebt.


Das Taxi?

Noch immer nicht da.


Und dann – ganz nebenbei – passiert das Beste an diesem Vormittag.


Kulinarik.


Wer mich kennt, der weiß:

Essen ist für mich kein Hobby.

Es ist eine Lebenseinstellung.


Plötzlich werden mir Trattorien empfohlen.

Nicht die mit Website.

Nicht die mit Instagram.

Die echten.


In Rom.

Außerhalb von Rom.

Im gesamten Latium.


„Da musst du hin.“

„Aber nur mittags.“

„Abends ist es eine Touristenfalle.“

„Frag nicht nach der Karte – frag, was sie heute haben.“

„Wenn der Wirt nicht grantig ist, geh wieder.“


Ich speichere innerlich alles ab.

Jede Straße.

Jeden Namen.

Jeden Nebensatz, der klingt wie ein Geheimtipp.


Irgendwann kommt das Taxi.

Endlich.


Wir verabschieden uns.

Ich wünsche alles Gute für die OP.

Der Mann im Rollstuhl lächelt.

Die beiden Italiener nicken.

Und ich gehe weiter.


Es ist Donnerstag.

Es ist noch nicht einmal 10 Uhr.

Und ich habe über Knochen, Sprachen und Essen gesprochen.


Ich sag wie´s ist:

Wer mich kennt, der weiß:

So dürfen Tage anfangen.

 
 
 

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