Vergeben und vergessen?
- Christoph

- 29. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig liest, weiß, dass ich mich ebenso halbwegs regelmäßig mit einem Freund treffe. Am liebsten am Abend. Am liebsten beim Italiener.
So auch diesmal wieder. Ein ganz normaler Abend eigentlich. Viel Gelächter, ein bisschen Blödelei, dieses angenehme Gefühl, dass man nichts erklären muss. Nebenbei: Bei mir gab’s Risotto und Fisch – nur der Vollständigkeit halber.
Und wie es diese Abende so an sich haben, kippen sie irgendwann. Ganz leise. Fast unbemerkt.
Von leicht zu tiefer.
Von lustig zu ehrlich.
Wir beide haben im Leben nicht nur die Sonnenseiten gesehen. Wie vermutlich jeder Mensch. Und so landeten wir – zwischen Espresso und dem letzten Schluck Wein (oder stillem Mineralwasser) – bei einem dieser großen Begriffe, die man so leicht ausspricht und so schwer lebt:
Vergeben und vergessen.
Ein Sprichwort. Fast schon ein Mantra.
Aber je länger wir darüber sprachen, desto klarer wurde: Das klingt einfacher, als es ist.
Was macht man eigentlich wirklich?
Vergibt man?
Oder vergisst man?
Oder versucht man beides – und scheitert an genau dieser Kombination?
Viele Menschen sagen: „Ich kann vergeben, aber nicht vergessen.“
Und das klingt reif. Erwachsen. Großzügig.
Aber wenn man ehrlich ist, bleibt da trotzdem etwas hängen. Irgendwo zwischen Erinnerung und Bauchgefühl. Zwischen „Ich hab dir verziehen“ und „Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat“.
Und dann gibt es diese andere Idee, die an diesem Abend plötzlich Raum bekam:
Was, wenn Vergessen manchmal der sanftere Weg ist?
Nicht im Sinne von Verdrängen.
Nicht im Sinne von Weglügen.
Sondern ganz nüchtern: Wenn etwas im Kopf nicht mehr ständig abrufbar ist, wenn es nicht mehr aufpoppt wie eine alte Datei auf der inneren Festplatte – dann muss man sich mit dem aktiven Akt des Verzeihens vielleicht gar nicht mehr beschäftigen.
Denn Verzeihen setzt voraus, dass etwas präsent bleibt.
Vergessen dagegen lässt es langsam leiser werden.
Natürlich gibt es Dinge im Leben, die man nicht einfach löschen kann.
Situationen. Worte. Taten anderer.
Manche Menschen waren sich vielleicht gar nicht bewusst, was sie da wirklich gemacht haben. Andere wussten es sehr genau. Wieder andere haben es verdrängt – was wiederum ein ganz eigenes Thema wäre.
Aber irgendwann stellten wir uns die Frage:
Braucht es wirklich immer Vergebung?
Oder braucht es manchmal einfach nur eine ehrliche Erklärung?
Keine Ausrede.
Keine beschönigte Version.
Keine Geschichte, die sich besser anhört als die Wahrheit.
Sondern einen Satz, der stimmt.
Einen Satz, der nicht gelogen ist.
Einen Satz, bei dem man spürt: Okay. Das war es. Jetzt verstehe ich es.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem beides möglich wird:
Vergessen und vergeben.
Nicht aus Größe.
Nicht aus Moral.
Sondern aus innerer Ruhe.
Denn wenn etwas erklärt ist – wirklich erklärt –, verliert es oft seine Schärfe.
Es bleibt vielleicht als Erinnerung, aber nicht mehr ganz unverständlich.
Nicht mehr als etwas, das man ständig mit sich herumschleppt und Situation und dazu gehörigen Mensch vielleicht verteufelt.
Das war unsere gemeinsame Erkenntnis an diesem Abend.
Keine endgültige Wahrheit.
Keine Patentlösung.
Ich sag wie´s ist:
Vielleicht reicht das ja schon...an einem Abend, an dem wir viel gelacht und auch gedacht haben.



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