Vorsicht, Onkel Herbert hat Quellen.
- Christoph

- 27. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Ich durfte wieder mal so einem Schauspiel beiwohnen...
Ich war eingeladen und da war wieder so einer 😀.
Deswegen meine Frage: Hast du auch jemanden wie Onkel Herbert?
Er muss nicht wirklich Herbert heißen und auch nicht der Onkel sein!
Er kann auch Otto sein. Oder Franz. Oder der ältere Herr aus dem erweiterten Bekanntenkreis, der „schon viel erlebt hat“.
Manchmal ist er ein Onkel. Manchmal ein Freund der Familie oder vermeidlich Vertrauter. Manchmal einfach jemand, der bei jeder Zusammenkunft zuverlässig das Wort ergreift.
Onkel Herbert weiß immer alles.
Und – das ist wichtig – er weiß es immer besser.
Seine großen Auftritte haben bevorzugte Bühnen: Familienfeiern, Geburtstage, Abende mit Freunden oder diese Abende, an denen man eigentlich nur gemütlich zusammensitzen wollte.
Irgendwann fällt ein Stichwort. Politik. Wirtschaft. Technologie. Gesellschaft.
Und dann lehnt sich Onkel Herbert zurück.
Jetzt kommt Wissen.
Oder das, was sich sehr überzeugend so anfühlt.
Stell dir vor, Onkel Herbert war früher in einem renommierten Verlag tätig, zuständig für Redaktion und Lektorat. Damals wurde noch alles sorgfältig geprüft, Satz für Satz, und jede Ausgabe fühlte sich an wie ein kleines Kunstwerk. Jetzt sitzt er da und erklärt dir, wie man Social Media, Algorithmen und moderne Informationsflüsse „richtig“ zu interpretieren hat. Ganz genau. Sehr bestimmt. Mit fester Stimme. Hat aber nie selbst einen Post auf LinkedIn oder Instagram veröffentlicht.
Blöd nur: Onkel Herbert ist schon länger nicht mehr „on the job“.
Social Media meidet er. Algorithmen hält er für Hexenwerk.
Wie Daten heute verarbeitet, trainiert, verknüpft und monetarisiert werden – keine Ahnung.
Aber er weiß es.
Und er macht alle nervös.
Besonders jene, die selbst nicht tief im Thema stecken.
Denn wenn jemand so überzeugt spricht, dann muss ja was dran sein.
Oder?
Das Prinzip funktioniert übrigens branchenübergreifend hervorragend.
War Onkel Herbert früher Tischler, weiß er heute genau, wie sich die Gas-, Wasser- und Heizungsbranche entwickeln wird.
Handwerk ist schließlich Handwerk.
Nach dieser Logik könnte ein Facharzt für Physiotherapie dich auch am offenen Herzen operieren.
Arzt ist Arzt.
So nämlich.
Dass sich Dinge weiterentwickeln, differenzieren, spezialisieren – geschenkt.
Details sind lästig. Gewissheit ist gemütlich.
Und wenn man fragt:
„Woher weißt du das eigentlich?“
Dann kommt er, dieser legendäre Satz:
„Ich habe da so meine Quellen.“
Mehr erfährt man nicht.
Muss man auch nicht.
Es ist ja Onkel Herbert.
Auffällig ist: Onkel Herbert erzählt all das immer nur im engeren Kreis.
Nie dort, wo jemand widersprechen könnte, der wirklich tief im Thema steckt.
Nie dort, wo Nachfragen unangenehm werden.
Er sammelt Bewunderung, keine Gegenargumente.
Und was er besonders gut kann:
Er arbeitet mit Angst. Da kommt nie was Positives!
Angst vor dem, was kommt.
Angst vor Veränderung.
Angst vor „denen da draußen, die uns nichts Gutes wollen“.
Angst davor, selbst falsch zu liegen.
So sichert er sich seine Position als der weise, erfahrene Fixpunkt.
Denn wenn man selbst nicht mehr weiß, was man glauben darf –
dann fragt man Onkel Herbert.
Das Problem ist nicht, dass viele seiner Theorien harmlos sind.
Das sind sie oft.
Das Problem beginnt dort, wo Menschen anfangen, ihr Leben danach auszurichten.
Wo Entscheidungen aus Angst getroffen werden.
Wo Abhängigkeiten entstehen.
Nicht, weil Onkel Herbert nicht so wirklich böse ist.
Er braucht es halt für´s Ego.
Denn wenn wir ehrlich sind. Seine Zeit ist eher vorbei.
Die gute Nachricht:
Die meisten von uns können (noch) selbst denken.
Fragen stellen.
Zweifel zulassen.
Die schlechte Nachricht:
Angst klingt oft überzeugender als Unsicherheit.
Und Gewissheit verkauft sich besser als Nachdenken.
Und vielleicht sollten wir uns selbst öfter fragen,
ob wir gerade Wissen teilen
oder nur Lautstärke.
Ich sag, wie’s ist:
Nicht jeder, der sicher spricht, hat recht.
Manche haben einfach nur nie gelernt, auch mal falsch zu liegen
und vor allem es zuzugeben.



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