Was ich dieses Jahr nicht mehr erkläre
- Christoph

- 24. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Es ist kurz vor Jahresende.
Diese eigenartige Zeit, in der man theoretisch alles noch „klären“ könnte –
aber praktisch merkt: Man hat keine Lust mehr.
Nicht aus Müdigkeit.
Nicht aus Trotz.
Eher aus Erfahrung.
Ich habe mir in den letzten Tagen gedacht, dass es Dinge gibt, die ich dieses Jahr ganz bewusst nicht mehr erkläre.
Nicht, weil ich sie nicht erklären könnte.
Sondern weil ich es oft genug getan habe.
Zum Beispiel:
Ich erkläre nicht mehr immer, warum ich etwas so sehe und nicht anders.
Ich erkläre nicht mehr immer, warum ich manche Entscheidungen treffe, die für andere unlogisch wirken.
Ich erkläre nicht mehr immer, warum ich gewisse Diskussionen nicht führe – selbst wenn ich alle Argumente hätte.
Früher dachte ich ja, man schuldet Erklärungen.
Heute denke ich: Man schuldet sich selbst ein bisschen Ruhe.
Es gibt diese Gespräche, die man hundertmal führen kann –
und sie führen trotzdem nirgendwohin.
Nicht, weil jemand böse ist.
Sondern weil manche Menschen gar keine Antwort suchen, sondern Bestätigung.
Und da wird ein Warum plötzlich zu einer Endlosschleife.
Du erklärst –
jemand fragt weiter.
Du differenzierst –
jemand interpretiert.
Du stellst klar –
jemand hört etwas ganz anderes.
Und irgendwann merkt man:
Dieses Warum will gar keine plausible Antwort.
Es will nur beschäftigt werden.
Ich kommentiere dieses Jahr auch nicht mehr jede Meinung.
Nicht jede Spitze.
Nicht jedes Missverständnis.
Manche Dinge dürfen einfach falsch verstanden bleiben.
Nicht aus Arroganz –
sondern aus Selbstschutz.
Ich habe gelernt:
Nicht alles, was unkommentiert bleibt, ist Zustimmung.
Und nicht alles, was man nicht erklärt, ist ein Geheimnis.
Manchmal ist es einfach ein:
„Ich sehe das anders – und das reicht.“
Reife zeigt sich vielleicht genau da:
Nicht darin, immer die besseren Argumente zu haben,
sondern darin, zu wissen, wann man sie nicht mehr auspackt.
Und ja –
es gibt Momente, da würde ich gern noch etwas richtigstellen.
Da würde ich gern sagen:
„So war das nicht gemeint.“
„So bin ich nicht.“
„Das stimmt so einfach nicht.“
Aber dann kommt dieser Gedanke:
Wer mich wirklich verstehen will, fragt anders.
Und wer mich nicht verstehen will, dem hilft auch die beste Erklärung nichts.
Also lasse ich manches stehen.
Nicht aus Bitterkeit.
Eher aus Gelassenheit.
Vielleicht ist das mein persönlicher Jahresabschluss:
Weniger erklären.
Mehr stehen lassen.
Und dann gibt es noch dieses „Warum“.
Dieses eine Wort, das wir so gerne stellen.
Warum das so war.
Warum jemand so gehandelt hat.
Warum etwas nicht anders gegangen ist.
Vielleicht ist Reife auch zu akzeptieren,
dass manche Warums einfach Warums bleiben.
Nicht, weil es keine Antwort gäbe –
sondern weil keine Antwort reichen würde.
Weil egal, was man hören würde:
Es würde die Enttäuschung nicht auflösen.
Das Gefühl nicht geradebiegen.
Und dann ist es vielleicht klüger,
die Frage nicht mehr zu stellen.
Nicht aus Resignation.
Sondern aus Selbstschutz.
Ohne Antwort.
Ohne Auflösung.
Ohne Nachsatz.
Ich sag, wie’s ist.
Manche Dinge muss man nicht mehr erklären – man darf sie einfach leben.



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