Wenn Höflichkeit plötzlich Abstand bedeutet
- Christoph

- 7. Jan.
- 2 Min. Lesezeit

Der Gedanke kam mir nicht in einer großen, dramatischen Situation.
Sondern in einer dieser heutigen, kleinen Alltagsbegebenheiten, die man fast übersieht.
Ein kurzer Austausch.
Ein Lächeln zur richtigen Zeit.
Ein „Ja, natürlich“, obwohl innerlich schon längst etwas anderes gesagt wurde.
Alles korrekt.
Alles freundlich.
Und trotzdem: irgendetwas war… zu glatt.
Da wurde mir klar, wie oft Höflichkeit gar nichts mit Nähe zu tun hat.
Im Gegenteil. Manchmal ist sie das Gegenteil davon.
Höflichkeit ist eine wunderbare Erfindung.
Sie hält den Laden am Laufen.
Sie sorgt dafür, dass Menschen miteinander auskommen, ohne sich ständig erklären zu müssen. Sie ist wie ein gut geöltes Scharnier zwischen zwei Türen, die sich lieber nicht ganz öffnen wollen.
Man sagt „Danke“.
Man sagt „Kein Problem“.
Man sagt „Melden wir uns“.
Und meint: Bitte nicht weiter nachfragen.
Man kennt das aus tausend Situationen.
Das freundliche Gespräch, das exakt so lange dauert, wie es sozial notwendig ist.
Der Smalltalk, der perfekt sitzt, aber nichts berührt.
Das höfliche Nicken, das übersetzt heißt: Ich sehe dich – aber bitte bleib dort, wo du gerade bist.
Oder diese ganz besondere Form der Distanz:
Das Lächeln ohne Nachhall.
Kein Ärger.
Kein Streit.
Keine Szene.
Nur ein sauber gezogener Strich aus Höflichkeit.
Faszinierende daran:
Höflichkeit ist unangreifbar.
Man kann ihr nichts vorwerfen.
Sie ist korrekt.
Sie ist zivilisiert.
Sie ist gesellschaftlich einwandfrei.
Und genau deshalb ist sie manchmal die letzte Mauer, hinter der man sich zurückzieht, wenn man keine Lust mehr auf Erklärungen, Diskussionen oder emotionale Nähe hat.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Kälte.
Sondern aus Selbstschutz.
Manche Menschen beherrschen diese Kunst perfekt.
Sie sind immer freundlich.
Immer respektvoll.
Immer nett.
Und trotzdem kommt man ihnen keinen Schritt näher.
Man geht auseinander und denkt:
War eh ein gutes Gespräch.
Und merkt erst später:
Es war ein abgeschlossenes.
Vielleicht ist das die stille Wahrheit:
Nicht jeder Rückzug ist laut.
Nicht jede Grenze wird mit Worten gezogen.
Manche werden einfach mit Höflichkeit gepolstert.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Höflichkeit aufhört, Verbindung zu sein –
und anfängt, Abstand zu wahren.
Ich sag wie’s ist:
Höflichkeit ist etwas Schönes.
Aber wenn sie das Einzige ist, was bleibt, dann sagt sie oft mehr über Distanz aus als über Respekt. Und manchmal ist ein ehrliches Schweigen näher als das freundlichste Lächeln!



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