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Willst du wirklich wissen, was es heißt, hinzusehen?



„Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen.“


Diesen Satz hat heute jemand zu mir gesagt.

Am Ende eines beruflichen Telefonats. So nebenbei. Fast wie eine Fußnote.

Kein Drama, kein erhobener Zeigefinger. Einfach dieser eine Satz, der danach noch im Raum steht. Oder im Kopf. Oder irgendwo dazwischen.


Der Wahrheit ins Auge sehen.

So ein Satz, den man kennt. Den man schon tausendmal gehört hat.

Und trotzdem ist er jedes Mal schwerer, als er klingt.


Ich habe mich danach gefragt, woher dieses Bild eigentlich kommt.

Der Wahrheit ins Auge sehen.

Nicht an ihr vorbeischauen. Nicht sie umkreisen. Nicht sie höflich ignorieren.

Sondern direkt hineinblicken. In etwas, das zurückblickt.


Vielleicht ist genau das der Punkt.

Dass Wahrheit nicht neutral ist.

Sie schaut zurück. Sie reagiert. Sie macht etwas mit einem.


Und dann die nächste Frage:

Was ist diese Wahrheit eigentlich?


Ist es ein Fakt?

Eine nüchterne Realität?

Oder ist Wahrheit oft einfach das, was wir innerlich längst wissen, aber noch nicht aussprechen wollen?


Denn seien wir ehrlich:

In den seltensten Fällen fehlt uns die Wahrheit.

Meist fehlt uns der Mut, sie nicht mehr zu umschiffen.


Wir sagen dann Dinge wie:

„So einfach ist das nicht.“

„Da gibt es mehrere Seiten.“

„Man kann das auch anders sehen.“


Und ja, natürlich stimmt das alles.

Aber manchmal ist das keine Differenzierung, sondern eine Verzögerung.


Der Wahrheit ins Auge zu sehen heißt ja nicht automatisch, sofort etwas zu tun.

Es heißt nicht, Entscheidungen im Affekt zu treffen.

Es heißt auch nicht, jemanden zu verurteilen – sich selbst eingeschlossen.


Vielleicht heißt es nur, aufzuhören, sich Geschichten zu erzählen, die bequemer sind als ehrlich.


Und dann kommt diese unbequeme Erkenntnis:

Dass Wahrheit oft nichts Neues ist.

Sie ist kein Überraschungsgast.

Sie sitzt meistens schon eine ganze Weile mit am Tisch.


Wir haben sie nur ignoriert.

Oder leiser gedreht.

Oder mit Hoffnung überdeckt.


Müssen wir der Wahrheit ins Auge sehen?

Diese Frage stelle ich mir ernsthaft.


Vielleicht nicht immer.

Vielleicht ist es auch erlaubt, Dinge reifen zu lassen.

Manches braucht Zeit. Abstand. Luft.


Aber es gibt Momente, da wird das Wegschauen anstrengender als das Hinsehen.

Da kostet Verdrängung mehr Energie als Klarheit.

Und dann ist dieser Satz plötzlich kein Angriff mehr, sondern fast eine Erleichterung.


Der Wahrheit ins Auge sehen heißt vielleicht auch, sich selbst wieder ernst zu nehmen.

Den eigenen Wahrnehmungen zu trauen.

Und anzuerkennen, dass man nicht alles lösen muss – aber manches benennen darf.


Am Ende dieses Telefonats heute war dieser Satz also nicht hart.

Er war ruhig.

Fast freundlich.


Und ich habe gemerkt:

Vielleicht geht es gar nicht darum, was diese Wahrheit konkret ist.

Sondern darum, dass man irgendwann aufhört, vor ihr wegzuschauen.


Ich sag, wie’s ist:

Manchmal ist der schwierigste Blick der, den man nicht mehr vermeiden kann.

 
 
 

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