Zwei Bomberjacken. Eine Lektion.
- Christoph

- vor 6 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Ich war heute in einem Randbezirk von Wien unterwegs.
So einer Gegend, bei der man automatisch ein bisschen leiser spricht, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Große Häuser. Alte Bäume. Gepflegte Fassaden. Das, was man landläufig eine Nobelgegend nennt – auch wenn niemand dort dieses Wort verwenden würde.
Ich fand sogar einen Parkplatz.
Und – man höre und staune – die App funktionierte.
Richtiges Auto. Richtiges Kennzeichen.
Ein kleiner technischer Sieg am Rande des Alltags, den man innerlich mit einem „Hurra“ quittiert und dann sofort wieder vergisst.
Ich steige aus.
Schließe das Auto.
Und genau in diesem Moment steht sie vor mir.
Eine ältere Dame. Sehr aufrecht. Sehr gepflegt. Vornehm, ohne steif zu wirken. Ihr Mantel perfekt geschnitten, die Tasche aus diesem Leder, das man nicht neu kauft, sondern erbt. Und ihre deutsche Sprache hatte diesen leichten englischen Akzent, der jedes Wort automatisch höflicher klingen lässt.
„Entschuldigen Sie, mein Herr“, sagt sie, „wie komme ich von hier zur Jubiläumswarte?“
Zur Jubiläumswarte.
Eine Aussichtswarte am Stadtrand. Ich kenne sie. Ich wusste nur nicht, dass sie von genau hier erreichbar ist. Während ich noch darüber nachdenke, hält sie mir ihr Mobiltelefon unter die Nase.
„Ich verstehe das nicht“, sagt sie.
Am Display: zwei Routen.
Zwei Linien.
Zwei Möglichkeiten.
Keine Ahnung.
In meinem grenzenlosen Optimismus denke ich mir: Bekommst du hin.
Was ich sage:
„Lassen Sie mal sehen, das bekommen wir hin.“
Spoiler: Ich hatte keine Ahnung, was ich da sah.
Normalerweise ist mein Orientierungssinn recht gut. Ich finde jedes abgestellte Auto wieder. In jeder Stadt. Ohne Navi. Aber dieses Display mit seinen Linien, Pfeilen und winzigen Straßennamen war plötzlich… ehrgeizig.
Und dann sehe ich sie im Augenwinkel.
Zwei junge Männer.
17, vielleicht 18.
Bomberjacken. Schwarze Schnürstiefel. Kapuzen.
Der eine blond, der andere dunkelhaarig.
Der Gang… sagen wir: selbstbewusst.
Mein Kopf schaltet sofort in diesen uralten Modus.
Aufpassen.
Ich stelle mich ein kleines Stück vor die Dame.
Unauffällig.
Meine Hand wandert in die Jackentasche.
Umschließt den Schlüsselbund.
Man weiß ja nie.
Und da stehen sie schon.
Der Blonde sagt, sehr direkt:
„Gibt’s do a Problem?“
Meine Augen werden größer, als sie sollten.
Ich sage nur ein Wort:
„Jubiläumswarte.“
Sagt der andere – ruhiger, fast schon vorsichtig:
„Wir haben gesehen, Sie suchen was am Handy. Können wir helfen?“
Und damit kippt alles.
Die beiden beugen sich über das Handy.
Diskutieren kurz.
Zeigen auf den Bildschirm.
Erklären der Dame den kürzesten Weg – verständlich, geduldig, ohne ein einziges genervtes Seufzen.
Dann nimmt einer von ihnen ihre Tasche.
Einfach so.
„Kumman S’, wir geh’n eh a Stück in die Richtung.“
Und sie gehen los.
Gemeinsam.
Langsam.
Die alte Dame in der Mitte, zwei junge Männer neben ihr.
Ein paar Meter.
Ein paar Worte.
Ein ganz normales Stück Weg.
Ich bleibe stehen.
Und schaue ihnen nach.
Richtig nette Typen, ehrlich.
Ich sag, wie’s ist:
Auch ich bin nicht gefeit davor, einen ersten Eindruck komplett falsch zu lesen.
Nicht ein bisschen.
Sondern gründlich.
Sch… Vorurteile.



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